ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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4.

Fortsetzung des Fragments aus Ben Josua's Lebensgeschichte.

Maimon, Salomon

Herausgegeben von K. P. Moritz:

(Siehe 9ten B. 1tes St. S. 24.)

Ben Josua war in seiner Jugend ziemlich religiös, und da er an den mehrsten Rabbinern viel Stolz, Zanksucht und andere schlimme Eigenschaften bemerkt hatte, so wurden diese ihm dadurch verhaßt. Er suchte daher blos diejenigen darunter, die gemeiniglich unter dem Nahmen Chasidim, d.h. die Frommen, bekannt sind, sich zum Muster aus; das sind solche, die ihr ganzes Leben der strengsten Beobachtung der Gesetze und moralischen Tugenden widmen. Er hatte aber in der Folge Gelegenheit, zu bemerken, daß diese von ihrer Seite zwar weniger Andern, aber destomehr sich selbst schaden, indem sie, nach dem bekannten Sprüchworte, das Kind mit dem Bade ausschütten, und, indem sie ihre Begierden und Leidenschaften zu unterdrücken suchen, auch ihre Kräfte unterdrücken und ihre Thätigkeit hemmen, ja sogar sich mehrentheils durch dergleichen Uebungen einen frühzeitigen Tod zuziehn.

Ein Paar Beispiele hiervon, wovon B. J. selbst Augenzeuge war, werden hinreichend seyn, [42]die Sache genugsam zu bestätigen. Ein wegen seiner Frömmigkeit damals bekannter jüdischer Gelehrter, Simon aus Lubtsch, der schon die Tschubath hakana (die Buße des Kana) ausgeübt hatte, welche darin besteht, daß er sechs Jahre täglich fastet, und alle Abend nichts von allem, was von einem lebendigen Wesen herkömmt (Fleisch, Milchspeisen, Honig und dergl.), genießt, Golath, d.h. eine beständige Wanderung, wo man nicht zwei Tage an einem Orte bleiben darf, gehalten, und einen haarnen Sack aufm bloßen Leibe getragen hatte, glaubte, noch nicht genug zur Befriedigung seines Gewissens gethan zu haben, wenn er nicht noch die Tschubath hmischkal (die Buße des Abwägens) d.h. eine partikuläre, jeder Sünde proportionirte Buße, ausüben werde. Da er aber nach Berechnung gefunden hatte, daß die Anzahl seiner Sünden zu groß sey, als daß er sie auf diese Art abbüßen könnte, so ließ er sich einfallen, sich zu Tode zu hungern. Nachdem er schon einige Zeit auf diese Art zugebracht hatte, kam er auf seiner Wanderung an den Ort, wo B. J. Vater wohnte, und gieng, ohne daß jemand im Hause etwas davon wußte, in die Scheune, wo er ganz ohnmächtig auf den Boden fiel. B. J. Vater kam zufälligerweise in die Scheune, und fand diesen Mann, der ihm schon längst bekannt war, mit einem Sahar in der Hand (das Hauptbuch der Kabalisten), halb todt auf dem Boden liegen.

[43]

Jener, der schon seinen Mann kannte, ließ ihm gleich allerhand Erfrischungen darreichen, aber dieser wollte davon auf keinerlei Weise einen Gebrauch machen. Jener kam zu verschiedenenmalen und wiederholte sein Anliegen, daß S. was zu sich nehmen solle, aber es half nichts, und da J. im Hause was zu verrichten hatte, und S. sich von seiner Zudringlichkeit los machen wollte, strengte er alle seine Kräfte an, machte sich auf, gieng aus der Scheune, und endlich aus dem Dorfe. J., der abermals in die Scheune gekommen, und den Mann nicht mehr gefunden hatte, lief ihm nach, und fand ihn nicht weit hinter dem Dorfe todt liegen. Die Sache wurde überall unter der Judenschaft bekannt, und S. ward ein Heiliger.

Jossei aus Klezk nahm sich nichts Geringeres vor, als die Ankunft des Messias zu beschleunigen. Zu diesem Ende that er strenge Buße, fastete, wälzte sich im Schnee, unternahm Nachtwachen u. dergl. Mit jeder Art dieser Operationen glaubte er die Niederlage einer Legion böser Geister, die den Messias bewachten, und seine Ankunft verhinderten, bewerkstelligen zu können.*) 1 Dazu ka-[44]men noch zuletzt viele kabalistische Alfanzereien, Räucherungen, Beschwörungen u. dergl., bis er zuletzt darüber wahnwitzig wurde, wirklich Geister mit offnen Augen zu sehn glaubte, jeden mit Nahmen nannte, um sich schlug, Fenster und Oefen zerschlug, in der Meinung, daß dies seine Feinde die bösen Geister wären (ohngefähr wie sein Vorgänger Donquixot), bis er zuletzt ganz abgemattet liegen blieb, und nachher mit vieler Mühe durch des Fürsten Radziwils Leibarzt wieder hergestellt wurde.

B. J. selbst konnte es in dergleichen Frömmigkeitsübungen nie weiter bringen, als daß er eine geraume Zeit nichts, was von einem lebendigen Wesen herkömmt, gegessen, und in den Zeiten der Bußtage zuweilen drei Tage in einem fort gefastet hat. Er entschloß sich zwar, die Tschubath hakana*) 2 zu unternehmen; dieses Projekt ist aber, so wie andere von der Art, unausgeführt geblieben, nachdem er sich die Meinungen des Maimonides, der kein Freund von Schwärmerei und Frömmeln war, eigen gemacht hatte. Es ist merkwürdig, daß er noch zu der Zeit, da er die rabbinischen Vorschriften aufs strengste beobachtete, gewisse Zeremonien, die etwas Komisches an sich haben, nicht beobachten wollte. Von dieser Art war z.B. das [45] Malketh-Schlagen vor dem großen Versöhnungstage, wo jeder Jude sich in der Synagoge auf den Bauch legt, und ein anderer ihm mit einem schmalen Streif Leder 39 Schläge giebt. So auch Hajorath andorim, oder das Loßsagen von den Gelübden am Tage vor dem Neujahrstage, wo sich drei Männer niedersetzen, und ein anderer vor sie hintritt, und eine gewisse Formel sagt, deren Inhalt ungefähr dieser ist: Meine Herrn! ich weiß, welch eine schwere Sünde es sey, Gelübde nicht zu vollziehn, und da ich ohne Zweifel in diesem Jahre einige Gelübde gethan, die ich noch nicht vollzogen habe, und auf die ich mich nicht mehr besinnen kann, so bitte ich von Euch, daß Ihr mich von denselben lossagen wollet. Ich bereue nicht die guten Entschließungen, wozu ich mich durch dergleichen Gelübde verpflichtet habe, sondern bloß, daß ich nicht bei dergleichen Entschließungen hinzugefügt habe, daß sie nicht die Kraft eines Gelübdes haben sollten u.s.w. Darauf entfernt er sich von dem Sitze dieser Richter, zieht die Schuhe aus und setzt sich auf die bloße Erde (wodurch er sich selbst verbannt, bis seine Gelübde aufgelößt worden). Nachdem er einige Zeit gesessen, und für sich ein Gebet verrichtet hat, fangen die Richter an laut zu rufen: Du bist unser Bruder! du bist unser Bruder! du bist unser Bruder! Es giebt keine Gelübde, keinen Schwur, keine Verbannung mehr, nachdem du dich dem Gerichte unterworfen hast! Steh auf [46]von der Erde und komm zu uns! Dieses wiederholen sie dreimal, und damit wird der Mensch auf einmal von allen seinen Gelübden loß. Bei dergleichen tragikomischen Scenen hat es immer schwer gehalten, daß sich B. J. des Lachens enthielt. Es überfiel ihn eine Schamröthe, wenn er dergleichen Operationen mit sich vornehmen sollte. Er suchte daher, wenn er darum angehalten wurde, sich dadurch von denselben loß zu machen, daß er vorgab, es in einer andern Synagoge schon verrichtet zu haben, oder noch verrichten zu wollen. Eine sehr merkwürdige psychologische Erscheinung! Man sollte denken, daß es unmöglich sey, daß sich jemand solcher Handlungen schämen sollte, die er alle andern ohne die mindeste Schamröthe ausüben sieht, und doch war es hier der Fall; welches Phänomen sich nur dadurch erklären läßt, daß er bei allen seinen Handlungen erst auf die Natur der Handlung an sich (ob sie an sich recht oder unrecht, schicklich oder unschicklich sey), und dann auf ihre Natur, in Beziehung auf irgend einen Zweck, Rücksicht nahm, und sie nur dann als Mittel billigte, wenn sie an sich nicht zu mißbilligen war; welches Prinzip sich nachher in seinem ganzen Religions- und Moralsystem völlig entwickelt hat; dahingegen die mehrsten Menschen zum Prinzip haben: der Zweck entschuldigt die Mittel. Dieses aber weiter zu untersuchen ist hier der Ort nicht. —

[47]

B. J. hatte in seinem Wohnorte einen Busenfreund, mit Nahmen Moses Lapidoth. Sie waren beide von gleichem Alter, gleichen Studien, und beinahe in gleichen äußern Umständen, außer daß B. J. schon frühzeitig eine Neigung zu Wissenschaften äußerte, Lapidoth hingegen zwar Neigung zum Spekuliren, auch viel Scharfsinn und Beurtheilungskraft hatte, aber hierin nicht weiter gehn wollte, als er mit dem bloßen gesunden Verstande reichen könne. Diese Freunde pflegten sich oft über ihre Herzensangelegenheiten, besonders über die Gegenstände der Religion und Moral zu unterhalten. Sie waren die einzigen in dem Orte, die es wagten, nichts blos nachzuahmen, sondern über alles selbst zu denken. Es war also natürlich, daß, indem sie sich in ihren Meinungen und Handlungen von allen übrigen aus ihrer Gemeinde unterschieden, sie sich nach und nach von ihnen trennten, wodurch ihr Zustand (da sie doch von ihrer Gemeinde leben mußten) sich immer verschlimmerte. Sie merkten dieses zwar, wollten aber dennoch ihre Lieblingsneigungen keinem Interesse in der Welt aufopfern. Sie trösteten sich daher über diesen Verlust so gut sie konnten, sprachen beständig von der Eitelkeit aller Dinge, von den religiösen und moralischen Irrthümern des gemeinen Haufens, auf den sie mit einer Art von edlem Stolze und Verachtung herabsahn. Besonders pflegten sie sich oft über die Falschheit der mensch-[48]lichen Tugend à la mandeville auszulassen. Z.B. Es hatten die Blattern in diesem Orte grassirt, wodurch viele Kinder hingeraft worden waren. Die Aeltesten der Gemeinde versammelten sich, um die geheimen Sünden ausfindig zu machen, um derentwillen sie diese Strafe (wofür sie es ansahn) litten. Nach angestellter Untersuchung fand es sich, daß eine junge Wittwe aus der jüdischen Nation mit einigen Hofbedienten einen zu freien Umgang pflege. Man schickte nach ihr, konnte aber durch alles Inquiriren von ihr nichts mehr herausbringen, als daß sie zwar diese Leute, die bei ihr Meth tränken, wie billig, mit einem gefälligen zuvorkommenden Wesen aufnähme, übrigens aber sich dabei keiner Sünde bewußt sey. Man wollte, da man keine andere Indizien hatte, sie schon loßlassen, als eine ältliche Matrone, Madam F., wie eine Furie geflogen kam und schrie: peitscht siel peitscht sie so lange bis sie ihr Verbrechen gestanden haben wird! thut Ihr es nicht, so treffe Euch die Schuld des Todes von so viel unschuldigen Seelen. L., der mit seinem Freunde B. J. dieser Scene beiwohnte, sagte darauf zu diesem: Freund! meinst du, daß Madam F., blos von einem heiligen Eifer und Gefühle fürs allgemeine Beste ergriffen, diese Frau so scharf anklagt? o nein! Sie ist blos auf sie böse, daß sie noch gefällt, indem sie selbst darauf keinen Anspruch mehr machen darf. Darauf antwortete B. J.: Freund! du sprichst nach meinem Sinn.

[49]

Lapidoth hatte arme Schwiegereltern. Sein Schwiegervater war jüdischer Küster, und konnte mit seinem geringen Gehalte nur sehr kümmerlich eine Familie ernähren. Alle Freitage mußte daher dieser arme Mann von seiner Frau allerhand Schelt- und Schimpfwörter hören, weil er ihr nicht einmal das zum heiligen Schabath Unentbehrliche verschaffen konnte. Lapidoth erzählte dieses seinem Freunde B. J., mit dem Zusatze: Meine Schwiegermutter will mich glauben machen, als eifere sie blos für die Ehre des heiligen Schabath. Nein wahrhaftig, sie eifert blos für die Ehre ihres heiligen Wanstes, den sie nicht nach Belieben füllen kann: der heilige Schabath dient ihr blos zum Vorwande dazu.

Da diese Freunde einst auf dem Walle um die Stadt spazieren giengen, und sich über die, aus dergleichen Aeußerungen offenbare, Neigung des Menschen, sich selbst und andere zu täuschen, unterhielten, sagte B. J. zu L.: Freund! laß uns billig seyn, und uns selbst, so wie die andern, unsre Censur passiren. Sollte nicht die, unsern Umständen nicht angemessene kontemplative Lebensart, die wir führen, eine Folge unsrer Trägheit und Neigung zum Müßiggange seyn, die wir durch Reflexionen über die Eitelkeit aller Dinge zu unterstützen suchen? Wir sind mit unsern jetzigen Umständen zufrieden, warum? weil wir sie nicht ändern können, ohne vorher unsre Neigung zum Müßiggange [50]zu bekämpfen; wir können, bei aller vorgegebenen Verachtung gegen alle Dinge außer uns, uns dennoch des heimlichen Wunsches nicht erwehren besser zu essen, und uns besser als jetzt kleiden zu können. Wir schelten unsre Freunde J. N. H. u.s.w. als eitle den sinnlichen Begierden ergebene Menschen, weil sie unsre Lebensart verlassen, und sich den, ihren Kräften angemessenen Geschäften unterzogen haben, worin besteht aber unser Vorzug vor ihnen, da wir unserer Neigung zum Müßiggange, so wie sie der ihrigen folgen? Laß uns diesen Vorzug blos darin zu erlangen suchen, daß wir uns zum wenigsten diese Wahrheit gestehn, indem jene nicht die Befriedigung ihrer besondern Begierden, sondern den Trieb zur Gemeinnützigkeit zum Grunde ihrer Handlungen angeben. L., bei dem die Rede seines Freundes einen starken Eindruck machte, antwortete hierauf mit einiger Wärme: Freund, du hast vollkommen Recht! Wenn wir schon jetzt unsre Fehler nicht verbessern können, so wollen wir doch hierin uns selbst nicht täuschen, und zum wenigsten den Weg zur Besserung offen halten.

In dergleichen Unterhaltungen brachten diese Zyniker ihre angenehmsten Stunden zu, indem sie sich zuweilen über die Welt, zuweilen über sich selbst lustig machten. L. z.B., dessen altes schmutziges Kleid ganz in Lumpen zerfallen, und wovon ein Aermel vom übrigen Kleide ganz abgetrennt war (indem er nicht einmal im Stande war es ausbessern zu lassen), [51]pflegte diesen abgefallenen Aermel mit einer Stecknadel auf den Rücken zu heften, und darauf seinen Freund zu fragen: sehe ich nicht aus wie ein Schlachzig (polnischer Edelmann)? B. J. konnte seine zerrissenen Schuhe, die vorne ganz aufgegangen waren, nicht genug rühmen, indem er sagte: sie drücken gar nicht.

Die Uebereinstimmung dieser Freunde in ihrer Neigung und Lebensart, mit einiger Verschiedenheit in Ansehung ihrer Talente, machte ihre Unterhaltung desto angenehmer. B. J. hatte mehr Talente zu Wissenschaften, bewarb sich mehr um Gründlichkeit und Richtigkeit seiner Kenntnisse als L. Dieser hingegen hatte den Vorzug einer lebhaften Einbildungskraft, und folglich mehr Talente zur Beredsamkeit und Dichtkunst als jener. Wenn B. J. einen neuen Gedanken vorgebracht hatte, so wußte L. denselben durch eine Menge Beispiele zu erläutern und gleichsam zu versinnlichen.

Ihre Neigung zueinander gieng so weit, daß sie, wenn es nur angieng, Tag und Nacht miteinander zubrachten; ja zuletzt fiengen sie sogar an, die gewöhnlichen Betstunden darüber zu vernachlässigen. Erst übernahm es L. zu beweisen, daß selbst die Talmudisten nicht immer ihre Gebete in der Synagoge, sondern zuweilen in ihrer Studierstube verrichteten. Hernach bewies er auch, daß nicht alle für nothwendig gehaltenen Gebete gleich nothwendig wären, sondern daß man einiger derselben ganz entbeh-[52]ren könne; selbst die für nothwendig erkannten wurden nach und nach immer mehr beschnitten, bis sie zuletzt gänzlich vernachlässigt wurden. Einst, da sie während der Gebetszeit auf dem Walle spazieren giengen, sagte L.: Freund! was wird aus uns werden? wir beten ja nicht mehr. B. J. Nun was meinst du dazu? L. Ich verlasse mich auf die Barmherzigkeit Gottes, der gewiß nicht seine Kinder einer kleinen Nachlässigkeit wegen strenge bestrafen wird. B. J. Gott ist nicht blos barmherzig, er ist auch gerecht, folglich kann uns dieser Grund nicht viel helfen. L. Was meinst du denn dazu? B. J. (der schon aus dem Maymonides richtigere Begriffe von Gott, und den Pflichten gegen ihn, erlangt hatte) Unsre Bestimmung ist blos, Erlangung der Vollkommenheit durch die Erkenntniß Gottes und Nachahmung seiner Handlungen. Das Beten ist blos der Ausdruck von der Erkenntniß der göttlichen Vollkommenheiten, und als Resultat dieser Erkenntniß blos für den gemeinen Mann, der zu dieser Erkenntniß von selbst nicht gelangen kann, bestimmt, und daher auch nur seiner Fassungsart angemessen. Da wir aber den Zweck des Betens einsehn, und zu demselben unmittelbar gelangen können, so können wir das Beten als etwas Ueberflüssiges gänzlich entbehren. Dieses Argument schien beiden sehr gegründet zu seyn. Sie beschlossen daher, um kein Aergerniß zu geben, alle Morgen mit ihren Taleth und Tefilim [53](jüdische Gebetsinstrumente) aus dem Hause zu gehn; aber nicht nach der Synagoge, sondern nach ihrem Lieblingsretrait (dem Walle); dadurch entgiengen sie glücklich dem jüdischen Inquisitionsgerichte.

Dieser schwärmerische Umgang mußte aber doch, so wie Alles in der Welt, sein Ende nehmen. Diese beiden Freunde wurden verheirathet, und ihre Ehen waren ziemlich fruchtbar. Sie wurden also gezwungen eine Familie zu ernähren. Das einzige Mittel für sie aber war eine Hofmeisterstelle, dadurch wurden sie nicht selten getrennt, und konnten nachher nur einige wenige Wochen im Jahre beisammen seyn. B. J. erste Hofmeisterstelle war eine Stunde weit von seinem Wohnorte bei einem armen Pächter J., eines elenden Dorfs P.; B. J. Gehalt war fünf Thaler polnisch. Die Armuth, Unwissenheit, und Rohheit der Lebensart, welche hier hauseten, waren unbeschreiblich. Der Pächter selbst war ein Mann von ungefähr funfzig Jahren, dessen ganzes Gesicht mit Haaren bewachsen war, und sich mit einem schmutzigen, dicken, pechschwarzen Barte endigte, und dessen Sprache eine Art Gemurmel, und nur den Bauern, mit denen er täglich umgieng, verständlich war. Er konnte nicht nur kein Hebräisch, sondern auch nicht einmal ein Wort Jüdisch, blos Russisch (die gewöhnliche Bauernsprache) konnte er sprechen. Man denke sich dazu Frau und Kinder von eben dem Schlage. Ferner die Wohnstube: eine Rauchhütte, kohlschwarz von [54]innen und von außen, ohne Kamin, wo blos im Dache eine kleine Oefnung zum Ausgange des Rauches angebracht ist, die, so bald man das Feuer ausgehen läßt, sorgfältig zugemacht wird, damit die Hitze nicht herausgehe.

Die Fenster waren kreuzweise übereinander gelegte schmale Streifen von Kienholz, mit Papier überzogen. Dieses Gemach war Wohn- Schenk- Speise- Studier- und Schlafstube zugleich. Nun denke man sich, daß diese Stube sehr stark geheizt und der Rauch, von Wind und Nässe (wie es im Winter mehrentheils der Fall ist) in die Stube zurückgetrieben, und dieselbe bis zum Ersticken damit angefüllt wird. Hier hängt schwarze Wäsche und andere schmutzige Kleidungsstücke, auf den in der Stube der Länge nach angebrachten Stangen, damit das .... im Rauche ersticke. Da hängen Würste zum trocknen, deren Fett den Menschen beständig auf die Köpfe herunter tröpfelt. Dort stehen Zöber mit saurem Kohl und rothen Rüben (die Hauptspeise der Litthauer). In einem Winkel das Wasser zum täglichen Gebrauche, und daneben das unreine Wasser. Hier wird Brod geknetet, gekocht, gebacken, die Kuh gemolken u.s.w. In dieser herrlichen Wohnung sitzen die Bauern auf der bloßen Erde (höher darf man nicht sitzen, wenn man nicht vom Rauche ersticken will), saufen Branntwein und lärmen; in einer Ecke sitzen die Hausleute; hinter dem Ofen aber saß B. J. [55]mit seinen schmutzigen halbnackenden Schülern, und explizirte ihnen aus einer alten zerrissenen Bibel aus dem Hebräischen ins Russisch-Jüdische. Dieses alles machte im Ganzen die herrlichste Gruppe von der Welt, die nur von einem Hogarth gezeichnet und von einem Buttler besungen zu werden verdiente. Man kann sich leicht vorstellen, wie jämmerlich B. J. Zustand hier seyn mußte. Brantwein mußte hier sein einziges Labsal seyn, das ihm alle seinen Kummer vergessen machte. Hierzu kam noch, daß ein Regiment Russen (die damals auf den Gütern des Fürsten Radziwil mit aller erdenklichen Grausamkeit wütheten) in dieses Dorf und seine Nachbarschaft gelegt wurde. Das Haus war beständig voll besoffener Russen, die alle möglichen Excesse begiengen, auf die Tische und Bänke hauten, die Gläser und Bouteillen den Hausleuten ins Gesicht schmissen u. dergl. Um nur ein einziges Beispiel anzuführen, so kam einst der Russe, der in diesem Hause als Saloge (Schutzmann) lag, dem es aufgetragen war, das Haus vor aller Gewaltthätigkeit zu sichern, ganz besoffen nach Hause und forderte zu essen; man stellte ihm eine Schüssel Hirse mit Butter zubereitet vor. Er stieß die Schüssel von sich, und schrie: man solle mehr Butter hinzuthun. Man brachte ihm ein ganzes Fäßchen mit Butter. Er schrie: man solle ihm noch eine Schüssel geben. Man brachte sie gleich; er schmiß alle Butter hinein und forderte Branntwein. Man brachte [56]ihm eine ganze Bouteille, welche er gleichfalls hineingoß; darauf mußte man ihm Milch, Pfeffer, Salz und Toback in großer Menge bringen, welches er hineinthat und fraß. Nachdem er davon einige Löffel voll gegessen hatte, fieng er an um sich zu hauen, raufte dem Wirth den Bart, gab ihm Faustschläge ins Gesicht, so daß ihm das Blut aus dem Munde heraus kam, goß ihm von seinem herrlichen Breie in die Kehle, und wüthete so lange, bis er aus Betrunkenheit sich nicht mehr halten konnte und zu Boden fiel. Solche Scenen waren sehr gewöhnlich. Wenn eine Russische Armee einen Ort paßierte, so nahmen sie von da bis zu dem nächsten Orte einen Prowodnik (Wegweiser). Anstatt aber denselben vom Bürgermeister oder Dorfschulzen sich geben zu lassen, pflegten sie lieber den ersten den besten, den sie zufälliger Weise auf der Straße trafen, zu ergreifen, er mochte übrigens jung oder alt, männlich oder weiblich, gesund oder krank seyn, daran lag ihnen nichts, weil sie den Weg (nach speziellen Karten) wohl wußten, und nur eine Gelegenheit zu Grausamkeit suchten. Ereignete es sich, daß die aufgefangene Person den Weg nicht wußte, und ihnen nicht den rechten Weg zeigte, so pflegten sie sich doch dadurch nicht irre machen zu lassen, und den rechten Weg zu wählen, aber sie prügelten alsdann den armen Prowodnik halb todt, weil er den rechten Weg nicht gewußt hatte!

[57]

Hier wurde auch B. J. einst als Prowodnik aufgefangen. Er wußte zwar den rechten Weg nicht, aber zum Glücke traf er denselben zufälliger Weise. Er kam also mit der bloßen Drohung, daß wenn er sie irre führen würde, er alsdann lebendig geschunden werden sollte (welches den Russen gern zuzutrauen war), und mit häufigen Faustschlägen und Rippenstößen glücklich am gehörigen Orte an.

B. J. übrigen Hofmeisterstellen waren mehr oder weniger dieser ähnlich.

In einer dieser Stellen ereignete sich eine merkwürdige psychologische Begebenheit, worin er die Hauptperson war, und die in der Folge beschrieben werden soll. In einer andern ereignete sich eine Begebenheit von eben derselben Art, wovon er aber bloß Augenzeuge war.

Der Hofmeister des nächsten Dorfs nehmlich, der ein Nachtwandler war, stand einst des Nachts von seinem Lager auf, und gieng nach dem Kirchhofe dieses Dorfs, mit einem Kodex der jüdischen Ritualgesetze in der Hand. Nachdem er da einige Zeit verweilt hatte, kam er wieder nach dem Lager zurück. Des Morgens stand er auf, ohne sich das Mindeste von dem, was in der Nacht vorgefallen war, zu erinnern, und gieng bey seinen Koffer, wo dieser Kodex eingeschlossen zu seyn pflegte, um sich den ersten Theil davon, Orach chaiim*) 3 genannt, worinnen [58]er alle Morgen zu lesen pflegte, heraus zu holen. Er stutzte aber, da er von vier Theilen, die der Kodex enthält, und wovon jeder apart gebunden war, nur drei derselben liegen fand, da sie doch alle im Koffer eingeschlossen gewesen waren, und daß besonders der Theil Jore deah*) 4 fehlte. Da er aber von seiner Krankheit wußte, so gieng er überall und suchte darnach, bis er endlich auf den Kirchhof kam und den Jore deah bei dem Kapitel Hilchoth Eweloth*) 5 aufgeschlagen fand. Er hielt dieses für ein böses Omen, und kam voller Unruhe nach Hause. Man fragte ihn nach der Ursache dieser Unruhe, und er erzählte die vorgefallene Begebenheit, mit dem Zusatze: Ach! Gott weiß, wie sich meine arme Mutter befindet (sein Vater war schon lange todt), bat sich von seinem Herrn ein Pferd aus, und um Erlaubniß, nach der nächsten Stadt (dem Wohnorte seiner Mutter) reiten zu dürfen, und sich nach ihrem Wohlseyn zu erkundigen. Er mußte den Ort passieren, wo B. J. Hofmeister war. Dieser, der ihn voller Bestürzung reiten sahe, ohne auf eine kurze Zeit absteigen zu wollen, fragte ihn um die Ursache dieser Bestürzung; worauf ihm jener die vorerwähnte Begebenheit erzählte. B. J. wurde nicht so sehr über die besondern Umstände derselben, als wie über das Nachtwandeln über-[59]haupt, wovon er bis jetzt nichts gewußt hatte, in Verwunderung gesetzt. Jener hingegen versicherte ihn, das Nachtwandeln sey sein gewöhnlicher Zufall, der übrigens nichts zu bedeuten hätte, nur der Umstand mit dem Jore deah, Hilchoth Eweloth, mache ihm ein Unglück ahnden. Darauf ritt er fort, kam in seiner Mutter Haus, und fand sie beim Nährahmen sitzen. Sie fragte ihn nach der Ursache seines Kommens; er gab ihr zur Antwort, er käme blos sie zu besuchen, weil er sie schon lange nicht gesehen habe. Nachdem er da wohl ausgeruht hatte ritt er wieder zurück, seine Unruhe wurde aber dennoch nicht gänzlich gehoben. Der Gedanke an den Jore deah, Hilchoth Eweloth, gieng ihm nicht aus dem Kopfe. Den dritten Tag darauf entstand in der Stadt, wo seine Mutter wohnte, eine Feuersbrunst, und seine Mutter, indem sie ihre Habseeligkeit retten wollte, mußte im Brande umkommen. Man sahe hier in diesem Dorfe das Feuer (weil das Dorf nur eine Stunde davon entfernt war). Der arme Hofmeister fieng an zu jammern und zu wehklagen, als wüßte er ganz gewiß, daß seine Mutter im Brande umgekommen sey, ritt schleunig nach der Stadt, und fand was ihm geahndet hatte.

Ungefähr um diese Zeit wurde B. J. mit einer damals emporkommenden Sekte seiner Nation, die neue Chasidim genannt, bekannt. Chasidim überhaupt heißen bei den Hebräern die Frommen, d.h. diejenigen, die sich durch Ausübung der strengsten[60]Frömmigkeit vor andern hervorthun. Diese waren seit urundenklichen Zeiten Männer, die sich von den weltlichen Geschäften und Vergnügungen losgemacht, ihr Leben der strengsten Ausübung der Religionsgesetze und Buße wegen ihrer begangenen Sünden widmeten. Sie suchten dieses durch Gebete und andere Andachtsübungen, Kasteiung ihres Körpers u. dergl. zu bewerkstelligen.

Aber um diese Zeit warfen sich einige darunter zu Stiftern einer neuen Sekte auf. Diese behaupteten: die wahre Frömmigkeit bestehe keinesweges in Kasteiung des Körpers, wodurch zugleich die Seelenkräfte geschwächt, und die zur Erkenntniß und Liebe Gottes nöthige Seelenruhe und Heiterkeit zerstört werde; sondern umgekehrt, man müsse alle körperlichen Bedürfnisse befriedigen, und von allen sinnlichen Vergnügungen, so viel als zur Entwickelung unsrer Gefühle nöthig sey, Gebrauch zu machen suchen, indem Gott alles zu seiner Verherrlichung geschaffen habe. Der wahre Gottesdienst bestand, ihnen zu Folge, in Andachtsübungen mit Anstrengung aller Kräfte und Selbstzernichtung vor Gott, indem sie behaupteten, daß der Mensch, seiner Bestimmung nach, seine höchste Vollkommenheit nicht anders erreichen könne, als wenn er sich nicht als ein für sich bestehendes und würkendes Wesen, sondern blos als ein Organ der Gottheit betrachte. Anstatt also, daß jene ihr ganzes Leben in Absonderung von der Welt, [61] Unterdrückung ihrer natürlichen Gefühle, und Tödtung ihrer Kräfte zubrachten, glaubten diese weit zweckmäßiger zu handeln, wenn sie ihre natürlichen Gefühle so viel als möglich zu entwickeln, ihre Kräfte in Ausübung zu bringen, und ihren Würkungskreis beständig zu erweitern suchten.

Man muß gestehen, daß diese Methoden beide etwas Reelles zum Grunde haben. Jener liegt offenbar der Stoizismus zum Grunde, nehmlich ein Streben die Handlungen nach einem höheren Prinzip, als die Neigungen sind, dem freien Willen gemäß, zu bestimmen; diese gründet sich auf das Vollkommenheitssystem. Nur daß beide, so wie alles in der Welt, gemißbraucht werden können, und wirklich gemißbraucht werden. Die von der ersten Sekte treiben ihre Bußfertigkeit bis zur Ausschweifung; anstatt ihre Begierden und Leidenschaften blos regelmäßig einzurichten, suchen sie dieselben zu zernichten, und anstatt daß sie mit den Stoikern das Prinzip ihrer Handlungen in der reinen Vernunft suchen sollten, suchen sie es vielmehr in der Religion, einer, ihrer Meinung nach, zwar reinen Quelle, daraus sie aber in der That, da sie von der Religion selbst falsche Begriffe haben, und ihre Tugend blos die zukünftigen Belohnungen und Bestrafungen eines nach bloßer Willkür regie-[62]renden eigenmächtigen tyrannischen Wesens zum Grunde hat, nicht anders als aus einer unreinen Quelle fließen, nehmlich aus dem Prinzip des Interesse; und da dieses Interesse selbst blos auf Einbildungen beruht, so sind sie hierin noch weit unter den gröbsten Epikuräern, die zwar ein niedriges, aber doch ein reelles Interesse zum Zwecke ihrer Handlungen haben. Nur alsdann kann die Religion ein Prinzip der Tugend abgeben, wenn sie selbst in der Idee der Tugend gegründet ist.

Die Anhänger der zweiten Sekte haben zwar richtigere Begriffe von der Religion und Moral, da sie aber hierin mehrentheils nach dunklen Gefühlen, und nicht nach einer deutlichen Erkenntniß sich richten, so müssen sie gleichfalls auf allerhand Ausschweifungen gerathen. Die Selbstzernichtung hemmet nothwendig ihre Thätigkeit, oder giebt ihr eine falsche Richtung, und da sie keine Naturwissenschaft und psychologische Kenntnisse besitzen, und eitel genug sind sich als Organ der Gottheit zu betrachten (welches sie auch mit Einschränkung nach dem Grade der erlangten Vollkommenheit sind), so begehn sie auf Rechnung der Gottheit die größten Ausschweifungen; jeder seltsame Einfall ist ihnen eine göttliche Eingebung, und jeder rege Trieb ein göttlicher Beruf.

Diese Sekten waren zwar keine verschiedene Religionssekten, ihre Verschiedenheit bestand blos in [63]der Art ihrer Ausübung der Religion, aber doch gieng die Animosität beider Partheien so weit, daß sie sich einander für Ketzer verschrieen, und wechselseitig verfolgten. Anfangs behielt die neue Sekte die Oberhand, und breitete sich beinahe in ganz Polen und auch außerhalb aus. Ihre Häupter schickten ordentlich Emissarien überall herum, die die neue Lehre predigen und ihr Anhänger verschaffen sollten, und da der größte Theil der Polnischen Juden aus ihren Gelehrten, d.h. aus Menschen, die dem Müßiggange und der kontemplativen Lebensart ergeben sind, besteht (jeder Polnische Jude wird von Geburt an zum Rabbiner bestimmt, und nur die größte Unfähigkeit dazu kann ihn von diesem Stande ausschließen), und diese neue Lehre außerdem den Weg zur Seeligkeit erleichtern sollte, indem sie das Fasten, das Nachtwachen, und beständiges Studium des Talmuds nicht nur für unnütz, sondern sogar für die zur ächten Frömmigkeit nöthige Heiterkeit des Gemüths als schädlich ausgab, so war es natürlich, daß ihre Anhänger sich in einer kurzen Zeit weit ausbreiteten.

Man wallfahrtete nach K. M. und andern heiligen Oertern, wo sich die erleuchteten Obern dieser Sekte aufhielten. Junge Leute verließen ihre Aeltern, Frauen und Kinder, und giengen schaarenweise, diese hohen Obern aufzusuchen, und die neue Lehre aus ihrem Munde zu hören.

[64]

Die Veranlassung zur Entstehung dieser Sekte war die folgende.*) 6

Es ist bekannt, daß seit der Zeit, da die Juden ihren Staat verloren, und unter andere Nationen, wo sie mehr oder weniger tolerirt werden, zerstreuet wurden, sie keine andere innere Verfassung haben, wodurch sie zusammengehalten werden, und bei ihrer politischen Zerstreuung dennoch ein organisirtes Ganzes ausmachen, als ihre Religionsverfassung. Ihre Vorsteher ließen sich daher stets nichts so sehr angelegen seyn, als, nach dem Verfalle ihres Staats, dieses Band, als das einzige, wodurch sie noch eine Nation ausmachen, desto mehr zu befestigen. Weil aber ihre Glaubenslehren und Religionsgesetze aus der heiligen Schrift ihren Ursprung nehmen, diese aber in Ansehung ihrer Auslegung und Anwendung auf besondere Fälle viel Unbestimmtes enthält, so mußte die Tradition zu Hülfe genommen werden, wodurch die Art der Auslegung der heiligen Schrift sowohl, als der Ableitung der, durch diese unbestimmt gelassenen Fälle, [65]aus den bestimmten Gesetzen angegeben werden sollte. Diese Tradition konnte freilich nicht der ganzen Nation, sondern blos einem Korps derselben, gleichsam wie einer gesetzgebenden Kommission anvertrauet werden.

Damit wurde aber dem Uebel nicht abgeholfen. Die Tradition selbst ließ noch viel Unbestimmtes zurück. Die Ableitung der besondern Fälle aus den allgemeinen, und die nach den Zeitumständen erforderlichen neuen Gesetze, gaben zu vielen Streitigkeiten Gelegenheit; aber selbst durch diese Streitigkeiten, und die Art ihrer Entscheidung, wurde dieses Korps immer zahlreicher, und sein Einfluß auf die Nation desto stärker. Die jüdische Verfassung ist also ihrer Form nach aristokratisch, und daher allen Mißbräuchen einer solchen Verfassung ausgesetzt. Der ungelehrte Theil der Nation konnte, wegen der ihm aufliegenden Sorge für seine sowohl, als des ihm unentbehrlichen gelehrten Theils Unterhaltung, auf dergleichen Mißbräuche nicht aufmerksam gemacht werden. Hingegen entstanden von Zeit zu Zeit Männer aus diesem gesetzgebenden Korps selbst, die nicht nur diese Mißbräuche rügten, sondern sogar die Autorität desselben in Zweifel zogen. Von dieser Art war der Stifter der christlichen Religion, der sich gleich anfangs der Tyrannei dieser Aristokratie mit gutem Erfolge widersetzte, und das ganze Zeremonialgesetz auf seinen Ursprung, nehmlich auf ein reines Moralsy [66] system (zu dem sich dieses Zeremonialsystem als Mittel zum Zwecke verhielt) zurückführte, wodurch zum wenigsten die Reformation Eines Theils der Nation bewerkstelligt wurde.

Von dieser Art war ferner der berüchtigte Schabati nZebi, am Ende des vorigen Jahrhunderts, der sich zum Messias aufwarf, und das ganze Zeremonialgesetz, besonders die Rabbinischen Satzungen, abschaffen wollte. Ein auf die Vernunft gegründetes Moralsystem wäre, nach den tief eingewurzelten Vorurtheilen der Nation zu damaliger Zeit, unvermögend gewesen, eine heilsame Reformation zu bewerkstelligen. Man mußte daher Vorurtheile und Schwärmereien Vorurtheilen und Schwärmereien entgegen setzen. Dieses geschahe aber, nach der Entwickelung des B. J., auf folgende Weise. Eine geheime Gesellschaft, deren Stifter aus den Mißvergnügten der Nation bestanden, hatte schon längst in derselben Wurzel gefaßt. Ein gewisser Französischer Rabbiner, mit Nahmen Rabbi Moses de Lion, soll, nach dem Rabbi Joseph Candia, den Sohar verfertigt, und als ein altes Buch, das den berühmten Talmudisten Rabbi Simon Ben Jechoi zum Verfasser hätte, der Nation untergeschoben haben. Dieses Buch ist in der Syrischen Sprache, in einem sehr erhabenen Stile, abgefaßt, und enthält die Auslegung der heiligen Schrift nach den Grundsätzen der Kabala, oder [67]vielmehr diese Grundsätze selbst, in Form einer Auslegung der heiligen Schrift vorgetragen, und gleichsam aus derselben geschöpft. Dieses Buch hat gleich dem Janus ein doppeltes Gesicht, und erträgt daher zweierlei Art Explikation. Die eine ist diejenige, die in den kabalistischen Schriften weitläuftig vorgetragen, und in ein System gebracht worden ist. Hier ist ein weites Feld für die Einbildungskraft, wo sie nach Belieben herumschwärmen kann, ohne doch am Ende über die Sache besser belehrt zu seyn als vorher. Es werden hier manche moralische und physische Wahrheiten bildlich vorgetragen, die sich zuletzt in das Labyrinth des hyperphysischen verlieren. Diese Art die Kabala zu behandeln ist den kabalistischen Litteratoren eigen.

Die zweite Art hingegen betrift den geheimen politischen Inhalt derselben, und ist nur den Obern dieser geheimen Gesellschaft bekannt. Diese Obern selbst sowohl, als ihre Operationen, bleiben immer unbekannt, die Andern aber können immerhin bekannt seyn. Diese können die politischen Geheimnisse, die ihnen selbst unbekannt sind, nicht verrathen. Jene werden es nicht, weil es ihrem Interesse zuwider ist. Nur die kleineren (blos litterarischen) Geheimnisse werden dem Volke debitirt, und als Sachen von großer Wichtigkeit anempfohlen. Die größeren (politischen) Geheimnisse werden nicht gelehrt, sondern, wenn [68]sie von selbst verstanden worden sind, in Ausübung gebracht.

Ein gewisser Kabalist, mit Nahmen Rabbi Joel Baalschem,*) 7 wurde durch einige glückliche Kuren, die er durch seine medizinischen Kenntnisse und Taschenspielerkünste bewerkstelligte, zu dieser Zeit sehr berühmt, indem er vorgab, dieses alles nicht durch natürliche Mittel, sondern blos durch Hülfe der Kabala Maschiith (die praktische Kabala) und den Gebrauch der heiligen Nahmen bewerkstelligt zu haben. Auf diese Art spielte er in P. eine sehr glückliche Rolle.

Er war auch auf Nachfolger in seiner Kunst bedacht. Unter seinen Schülern waren einige, die seine Profession ergriffen, und sich durch glückliche Kuren und Entdeckung der Diebstähle berühmt machten. Andre, von größerm Genie und edlerer Denkungsart, machten sich weit wichtigere Pläne: sie sahen ein, daß sie durch das Zutrauen des Volks sowohl ihr eigenes als das allgemeine Interesse würden aufs Beste befördern können, und wollten es durch Aufklärung beherrschen; ihr Plan war also moralisch und politisch zugleich.*) 8 Anfangs [69]schien es als wollten sie blos die in dem jüdischen Religions- und Moralsystem eingeschlichenen Mißbräuche abschaffen. Dieses mußte aber nothwendig eine völlige Abschaffung des ganzen Systems nach sich ziehn.

Die Hauptsachen, die sie angriffen, waren 1) der Mißbrauch der Rabbinischen Gelehrsamkeit, die, anstatt die Gesetze so viel als möglich zu simplifiziren, und jedem kenntlich zu machen, dieselben immer noch mehr verwirrt und unbestimmt seyn läßt; die ferner sich blos mit dem Studium der Gesetze beschäftigt (daher ihr das Studium derjenigen Gesetze, die jetzt von keinem Gebrauche sind (der Opfer, der Reinigung u. dergl.), eben so wichtig, als derjenigen ist, wovon noch Gebrauch gemacht wird), statt daß sie hauptsächlich sich mit der Ausübung derselben beschäftigen sollte, indem das Studium selbst nicht Zweck, sondern blos Mittel zur Ausübung ist; und die endlich bei der Ausübung selbst blos auf das äußere Zeremoniel, und nicht auf den moralischen Zweck Rücksicht nimmt.

2) Der Mißbrauch der Frömmigkeit der sogenannten Bußfertigen. Diese befleißigen sich zwar der Ausübung der Tugend, da aber [70]ihr Motiv zur Tugend nicht die in der Vernunft gegründete Erkenntniß Gottes und seiner Vollkommenheit ist, sondern vielmehr in falschen Vorstellungen von Gott und seinen Eigenschaften besteht, so konnte es nicht anders seyn, als daß sie auch die wahre Tugend verfehlten, und auf eine eingebildete Art von Tugend geriethen, und daß, anstatt daß sie aus Liebe zu Gott, und Neigung ihm ähnlich zu werden, sich der Sklaverei ihrer sinnlichen Begierden und Leidenschaften hätten entziehn, und nach Gesetzen des in der Vernunft gegründeten freien Willens zu handeln sich bestreben sollen, sie vielmehr durch Vernichtung ihrer wirkenden Kräfte selbst, ihre Begierden und Leidenschaften zu vernichten suchten, wie wir dieses schon oben durch einige traurige Beispiele dargethan haben.

Die Aufklärer hingegen forderten als Bedingung der wahren Tugend ein heiteres, zu allen Arten von Thätigkeit aufgelegtes, Gemüth; sie erlaubten nicht nur, sondern empfahlen sogar einen mäßigen, zu Erlangung der Heiterkeit des Gemüths erforderlichen Genuß aller Arten der Vergnügungen. Ihr Gottesdienst bestand in einer freiwilligen Entkörperung, d.h. Abstrahirung ihrer Gedanken von allen Dingen außer Gott, ja sogar von ihrem individuellen Ich, und Vereinigung mit Gott; woraus eine Art von Selbstverläugnung bei ihnen entstand, so daß sie alle in diesem Zustande [71]unternommnen Handlungen nicht sich selbst, sondern Gott zuschrieben.

Ihr Gottesdienst bestand also in einer Art spekulativer Andacht, wozu sie keine besondere Zeit oder Formel für nothwendig hielten, sondern einem jeden überließen, ihn nach dem Grade seiner Erkenntniß zu bestimmen; doch wählten sie dazu hauptsächlich die zum öffentlichen Gottesdienste bestimmten Stunden. In ihrem öffentlichen Gottesdienste beflissen sie sich hauptsächlich der vorerwähnten Entkörperung, d.h. sie vertieften sich so sehr in die Vorstellung der göttlichen Vollkommenheit, daß sie dadurch die Vorstellung aller andern Dinge, und sogar ihres eignen Körpers verlohren, so daß der Körper ihrem Vorgeben nach zu dieser Zeit ganz gefühllos seyn mußte.

Da es aber mit einer solchen Abstraktion sehr schwer hielt, so bemühten sie sich durch allerhand mechanische Operationen (Bewegungen und Schreien) sich in diesen Zustand, wenn sie durch andre Vorstellungen aus demselben herausgekommen waren, wieder zu versetzen, und sich darin, während der ganzen Andachtszeit, ununterbrochen zu erhalten. Es war lustig anzusehn, wie sie oft ihr Beten durch allerhand seltsame Töne und possierliche Bewegungen (die als Drohungen und Scheltworte gegen ihren Gegner, den Satan, der ihre Andacht zu stören sich bemühe, anzusehn waren) unterbrachen, und wie sie sich dadurch so abar-[72]beiteten, daß sie gemeiniglich bei Endigung des Betens ganz ohnmächtig niederfielen.

Es ist auch nicht zu leugnen, daß, so gegründet auch ein solcher Gottesdienst an sich seyn mag, er auch eben so sehr dem Mißbrauche unterworfen sey. Die auf die Heiterkeit des Gemüths erfolgende innere Thätigkeit, kann nur nach dem Grade der erlangten Erkenntniß Statt finden. Die Selbstzernichtung vor Gott ist nur alsdann gegründet, wenn das Erkenntnißvermögen so sehr mit seinem Gegenstande (der Größe des Gegenstandes wegen) beschäftigt ist, daß der Mensch dadurch gleichsam außer sich blos im Gegenstande existirt. Ist hingegen das Erkenntnißvermögen in Ansehung seines Gegenstandes eingeschränkt, so daß es keines beständigen Fortschrittes fähig ist, so muß die erwähnte Thätigkeit, durch Konzentrirung auf diesen einzigen Gegenstand, vielmehr gehemmt als befördert werden.

Einige einfältige Männer aus dieser Sekte antworteten zwar, wenn man sie, da sie den ganzen Tag über mit der Pfeife im Munde müßig herumgiengen, frug, was sie doch zur Zeit dächten? »wir denken Gott!« Diese Antwort würde befriedigend gewesen seyn, wenn sie beständig, durch eine hinlängliche Naturerkenntniß, ihre Erkenntniß von den göttlichen Vollkommenheiten zu erweitern gesucht hätten. Da dies aber mit ihnen der Fall nicht war, sondern ihre Naturerkenntniß sehr einge-[73]schränkt war; so mußte der Zustand, worin sie ihre Thätigkeit auf einen (in Ansehung ihrer Fähigkeit) unfruchtbaren Gegenstand konzentrirten, unnatürlich seyn. Ferner konnten sie nur alsdann ihre Handlungen Gott zurechnen, wenn sie Folgen einer richtigen Erkenntniß Gottes waren; waren sie aber Folgen der Eingeschränktheit dieser Erkenntniß, so musten sie nothwendig auf Gottes Rechnung allerhand Excesse begehn, wie zum Unglück der Erfolg gelehret hat.

Daß aber diese Sekte sich so geschwind ausbreitete, und ihre neue Lehre bei dem größten Theile der Nation so vielen Beifall fand, läßt sich sehr leicht erklären. Die natürliche Neigung zum Müßiggang und zur spekulativen Lebensart, des größten Theils der Nation (der von der Geburt an zum Studiren bestimmt wird), die Trockenheit und Unfruchtbarkeit des rabbinischen Studiums, und die große Last des Zeremonialgesetzes, die diese Lehre zu erleichtern verspricht, endlich die Neigung zur Schwärmerei und zum Wunderbaren, die durch diese Lehre genährt wird, sind hinreichend, dieses Phänomen begreiflich zu machen.

Anfangs widersetzten sich zwar die Rabbiner und die Frommen nach dem alten Stil, der Verbreitung dieser Sekte, diese behielt aber dennoch, aus vorerwähnten Gründen, die Oberhand. Es wurden Feindseeligkeiten von beiden Seiten ausge-[74]übt. Jede Parthei suchte sich Anhänger zu verschaffen. Es entstand eine Gährung in der Nation, und die Meinungen wurden getheilt.

B. J. konnte sich damals von dieser Sekte noch keinen richtigen Begrif machen, und wußte nicht, was er davon denken sollte, bis es sich einmal ereignete, daß ein junger Mensch, der schon in diese Gesellschaft initiirt war, der schon das Glück gehabt hatte, die hohen Obern selbst von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, B. J. Aufenthaltsort durchreiste. B. J. suchte sich diese Gelegenheit zu Nutze zu machen, und bat den Fremden um einige Aufklärung über die innere Einrichtung dieser Gesellschaft, über die Art darin aufgenommen zu werden u.s.w.

Dieser, der selbst noch im ersten Grade war, und folglich von der innern Einrichtung dieser Gesellschaft noch nichts wußte, konnte auch dem B. J. darüber keine Auskunft geben, was aber die Art, darin aufgenommen zu werden, anbetrift, so versicherte er demselben, daß sie die simpelste von der Welt sey. Jeder Mensch, der einen Trieb nach Vollkommenheit in sich spüre, und die Art nicht wisse, wie er denselben befriedigen, oder die Hindernisse, die seiner Befriedigung entgegen ständen, aus dem Wege räumen solle, hätte nichts mehr nöthig, als sich an die hohen Obern zu wenden, und eo ipso gehöre er schon als Mitglied zu dieser Gesellschaft. Er habe nicht einmal nöthig (wie es sonst mit den Medicinern der Fall ist) diesen hohen [75]Obern von seinen moralischen Schwächen, seiner bisher geführten Lebensart u. dergl. etwas zu melden, indem diesen hohen Obern nichts unbekannt sey; sie durchschauten das menschliche Herz, und entdeckten alles, was in seinen geheimen Falten verborgen sey; sie könnten das Zukünftige vorher sagen, und das Entfernte gegenwärtig machen.

Ihre Predigten und moralischen Lehren würden nicht (wie es gemeiniglich zu geschehen pflege) von ihnen erst überdacht und zweckmäßig geordnet, indem diese Art nur demjenigen zukäme, der sich als etwas für sich Bestehendes und Wirkendes, von Gott Getrenntes, betrachte. Diese hohen Obern aber hielten nur alsdann ihre Lehren für göttlich und folglich untrüglich, wenn sie die Folge der Selbstvernichtung vor Gott wären, d.h. wenn sie ihnen ex tempore, nach Erfordern der Umstände, ohne daß sie etwas dazu beitrügen, einfielen.

B. J., den diese Beschreibung ganz entzückte, bat darauf den Fremden, daß er ihm doch einige dieser göttlichen Lehren mittheilen möchte. Dieser schlug die Hand vor die Stirne (als wartete er auf Eingebung des heiligen Geistes), wandte sich darauf mit einer feierlichen Miene und halbentblößten Armen, die er (ungefähr wie Korporal Trim bei Vorlesung der Predigt) in Bewegung brachte, zu B. J., und fieng folgendermaßen an:

[76]

»Singt Gott ein neues Lied, sein Lob ist in der Gemeinde der Frommen (Psalm 1491,1.). Unsre hohen Obern erklären diesen Vers auf folgende Art: die Eigenschaften Gottes, als des allervollkommensten Wesens, müssen die Eigenschaften eines jeden eingeschränkten Wesens weit übertreffen, folglich auch sein Lob (als Ausdruck seiner Eigenschaften) das Lob dieser. Bis jetzt bestand Gottes Lob darin, daß man ihm übernatürliche Würkungen (das Verborgne zu entdecken, das Zukünftige vorher zu sehn, mit seinem bloßen Willen unmittelbar zu wirken u. dergl.) beilegte. Nun aber sind die Frommen (die hohen Obern) im Stande, solche übernatürliche Handlungen selbst zu verrichten, und da Gott also hierin vor ihnen keinen Vorzug hat, muß man bedacht seyn, ein neues Lob ausfindig zu machen, das nur Gott allein zukommen kann.«

B. J., entzückt über die sinnreiche Art, die heilige Schrift auszulegen, bat den Fremden um noch mehrere Explikationen dieser Art. Dieser fuhr also in seiner Begeisterung fort: »Als der Spieler (Musikus) spielte, kam auf ihn der Geist Gottes (II. Buch der Könige 3, 15.). Dies legen sie so aus: So lange sich der Mensch selbstthätig zeigt, ist er unfähig, die Würkung des heiligen Geistes zu empfangen; zu diesem Behuf muß er sich als ein Instrument, blos leidend verhalten. Die Bedeutung dieser Stelle ist also:[77]Wenn der Spieler (קנםת) (der Diener Gottes) dem Instrumente gleich wird (קנב), alsdann kömmt auf ihn der Geist Gottes.*) 9

Nun hören Sie noch, sagte der Fremde ferner, die Erklärung einer Stelle aus der Mischea, wo es heißt: die Ehre deines Nächsten muß dir so lieb seyn als die deinige.

Unsre Lehrer erklären dieses auf folgende Art: Es ist gewiß, daß kein Mensch daran Vergnügen finden wird, sich selbst Ehre anzuthun, dieses wäre ganz lächerlich. Aber eben so lächerlich ist es, auf Ehrenbezeugungen eines andern zu viel zu halten, da wir doch durch diese Ehrenbezeugungen keinen größern innern Werth erhalten, als wir schon haben. Diese Stelle will daher so viel sagen: Die Ehre deines Nächsten (die dein Nächster dir erzeigt) muß dir so wenig lieb seyn, als die deinige (die du dir selbst erzeigst).« B. J. konnte nicht [78]anders als, sowohl über die Vortreflichkeit der Gedanken, wie auch über die sinnreiche Exegetik, womit sie gestützt wurden, vor Bewunderung außer sich gerathen.*) 10

[79]

B. J., dessen Einbildung durch diese Beschreibungen aufs Höchste gespannt wurde, und der folglich nichts so sehnlich wünschte, als das Glück zu haben, Mitglied dieser ehrwürdigen Gesellschaft zu werden, beschloß eine Reise nach M. zu unternehmen, wo sich der hohe Obere B. befand. Er erwartete also die Endigung seiner Dienstzeit (welche nur noch einige Wochen dauerte) mit der größten Ungedult. So bald diese zu Ende war, und er seinen Lohn erhalten hatte, trat er, anstatt nach Hause (das nur zwei Meilen von da entfernt war) zu reisen, seine Pilgerschaft an. Diese Reise dauerte einige Wochen.

Endlich kam er glücklich in M. an. Nachdem er von seiner Reise ausgeruht hatte, gieng er nach dem Hause des hohen Obern, in der Meinung, ihm gleich vorgestellt werden zu können. Aber man sagte ihm, daß er denselben noch nicht sprechen könne, daß er aber auf den Schabath mit den andern Fremden, die ihn zu besuchen hieher gekommen wären, bei ihm zu Tische invitirt sey; bei welcher Gelegenheit er das Glück haben würde, diesen heiligen Mann von Angesicht zu Angesicht zu sehn, und die erhabensten Lehren aus seinem Munde zu hören, so daß er (B. J.) dieses öffentliche Entrevue, dennoch, wegen des Individuellen sich blos auf ihn Beziehenden, das er darin bemerken würde, als eine partikuläre Audienz betrachten könnte.

[80]

B. J. kam also am Schabath zu diesem feierlichen Mahle. Er fand da eine große Anzahl ehrwürdiger Männer, die hier von verschiedenen Gegenden zusammen gekommen waren. Endlich erschien auch der große Mann in einer ehrfurchteinflößenden Gestalt, in weißen Atlas gekleidet. Sogar seine Schuhe und Tobaksdose waren weiß (die weiße Farbe ist bei den Kabalisten die Farbe der Gnade). Er gab einem jeden der Neuangekommenen sein Schalam, d.h. er begrüßte ihn. Man setzte sich zu Tische. Am Tische herrschte eine feierliche Stille. Nachdem man abgespeiset hatte, stimmte der hohe Obere eine feierliche den Geist erhebende Melodie an, hielt einige Zeit die Hand vor die Stirne, und fieng darauf an zu rufen: Z. aus H! M. aus R.! B. J. aus N. u.s.w. alle die Neuangekommenen bei ihren Nahmen, und den Nahmen ihrer Wohnörter, worüber diese nicht wenig erstaunten. Jeder von ihnen sollte irgend einen Vers aus der heiligen Schrift hersagen. Es sagte jeder seinen Vers. Darauf fieng der hohe Obere an eine Predigt zu halten, der die besagten Verse zum Text dienen mußten, so daß, obschon es aus ganz verschiedenen Büchern der heiligen Schrift hergenommene unzusammenhängende Verse waren, er sie dennoch mit einer solchen Kunst verband, als wenn sie ein einziges Ganzes gewesen wären; und was noch sonderbarer war, jeder dieser Männer glaubte in dem Theile der Predigt, der auf seinem Verse [81]beruhte, etwas zu finden, das sich besonders auf seine individuellen Herzensangelegenheiten beziehe. Sie geriethen also darüber, wie natürlich, in die größte Verwunderung. Es dauerte aber nicht lange, so fieng B. J. schon an von der hohen Meinung gegen diesen Obern und die ganze Gesellschaft überhaupt nachzulassen. Er bemerkte, daß ihre sinnreiche Exegetik im Grunde falsch, und noch dazu blos auf ihre ausschweifenden Grundsätze (Selbstvernichtung u.s.w.) eingeschränkt war; hatte man diese einmal gehört, so bekam man nichts Neues mehr zu hören. Ihre sogenannten Wunderwerke ließen sich ziemlich natürlich erklären. Durch Korrespondenzen, Spione, und einen gewissen Grad von Menschenkenntniß, wodurch sie, vermittelst einer Physiognomik und geschickt angebrachter Fragen, indirekte die Geheimnisse des Herzens herauszulocken wußten, brachten sie sich bei diesen einfältigen Menschen den Ruf zuwege, daß sie prophetische Eingebungen, hätten.

So mißfiel ihm auch die ganze Gesellschaft nicht wenig, wegen ihres Zynischen Wesens und ihrer Ausschweifung in der Frölichkeit. Um nur ein einziges Beispiel dieser Art anzuführen, so kamen sie einst zur Betstunde im Hause des Obern zusammen. Einer unter ihnen kam etwas spät; die andern fragten ihn nach der Ursache davon. Jener antwortete, das geschähe darum, weil seine [82]Frau diese Nacht mit einer Tochter niedergekommen sey. So bald sie dieses hörten, fiengen sie an ihm auf eine tumultuarische Art zu gratuliren. Der hohe Obere kam aus seinem Kabinet dazu, und fragte nach der Ursache ihres Lärmens. Sie sagten, wir gratuliren dem P., dessen Frau ein Mädchen zur Welt gebracht hat; darauf antwortete jener mit großem Unwillen: Ein Mädchen! er soll ausgepeitscht werden.*) 11

Der arme P. protestirte dagegen. Er konnte nicht begreifen, warum er dafür büßen solle, daß seine Frau ein Mädchen zur Welt gebracht habe. Aber es half nichts, man bemächtigte sich seiner, legte ihn auf die Schwelle, und peitschte ihn derb aus. Diese Herren (außer dem einzigen, der das Opfer dafür war) geriethen dadurch in eine lustige Laune, worauf der Obere sie mit folgenden Worten zum Gebete ermahnte: Nun Brüder, dient Gott mit Freuden!

B. J. wollte in dem Orte nicht länger bleiben. Er ließ sich also von dem hohen Obern den Segen geben, nahm Abschied von der Gesellschaft, mit dem Vorsatze, sie auf ewig zu verlassen, und reiste wieder nach Hause.

Nun noch etwas von der innern Einrichtung dieser Gesellschaft.

[83]

Die hoben Obern dieser Sekte können, nach der Darstellung des B. J ., in vier Klassen gebracht werden: 1) in die der Klugen; 2) der Listigen; 3) der Starken;*) 12 4) der Guten.

Die oberste, alle anderen regierende Klasse, machen, wie natürlich, die Klugen aus. Diese sind erleuchtete Männer, die eine tiefe Kenntniß der Schwächen der Menschen, und der Triebfedern ihrer Handlungen erlangt, und [84]frühzeitig genug diese Wahrheit eingesehn haben: Klugheit ist besser denn Stärke, indem Stärke zum Theil von Klugheit abhängig, Klugheit von Stärke aber unabhängig ist. Ein Mensch mag so viele Kräfte, und sie in einem solchen hohen Grade besitzen, als er will, so ist doch seine Wirkung immer begränzt. Durch Klugheit aber und eine Art psychologischer Mechanik, oder die Einsicht in den bestmöglichen Gebrauch dieser Kräfte und ihre Dirigirung können sie ins Unendliche verstärkt werden. Sie haben sich daher auf die Kunst gelegt, freie Menschen zu beherrschen, d.h. den Willen und die Kräfte anderer Menschen so zu gebrauchen, daß, indem diese blos ihren eignen Zweck zu befördern glauben, sie in der That den Zweck ihrer Obern mit befördern. Dieses kann durch eine zweckmäßige Verbindung und Ordnung dieser Kräfte erhalten werden, so daß man durch den geringsten Stoß auf dieses Organ, die größte Wirkung hervor zu bringen im Stande ist. Es ist hier kein Betrug, weil, wie vorausgesetzt worden, diese andern selbst dadurch ihren Zweck am besten erreichen.

Die Listigen gebrauchen auch den Willen und die Kräfte anderer zur Erreichung eines Zwecks, da sie aber in Ansehung ihres Zweckes kurzsichtiger oder ungestümer als die vorigen sind, so geschieht es oft, daß sie ihre Zwecke auf dieser Andern Unkosten zu erreichen suchen; ihre Kunst also besteht nicht bloß [85]darin, daß sie die Erreichung ihrer Zwecke (wie die Erstern), sondern daß sie die Nichterreichung der Zwecke der Andern vor denselben sorgfältig verbergen.

Die Starken sind Männer, die durch ihre angeborne oder erworbene moralische Stärke über die Schwäche Anderer herrschen, besonders wenn es eine solche Stärke ist, die man bei andern selten findet, z.B. die Beherrschung der Leidenschaften außer einer einzigen, die sie zum Zweck ihrer Handlungen machen.

Die Guten sind schwache Menschen, deren Erkenntnisse als Willenskräfte sich blos leidend verhalten, und deren Zwecke nicht durchs Beherrschen, sondern durchs Beherrschenlassen erreicht werden.

Die oberste Klasse, nehmlich der Klugen, weil sie alle die Andern übersieht, von ihnen aber nicht übersehn wird, regiert natürlicher Weise alle die Andern. Sie bedient sich der guten Seite der Listigen, und sucht sie von der andern Seite unschädlich zu machen, indem sie diese überlistet, so daß, indem diese zu betriegen glaubt, selbst betrogen wird.

Sie bedient sich ferner der Starken zur Erreichung wichtiger Zwecke, sucht aber, wenn es nöthig ist, durch Entgegensetzung mehrerer, ob schon geringerer, Kräfte, ihnen Einhalt zu thun.

Endlich bedient sie sich der Guten, nicht blos zur unmittelbaren Erreichung ihres Zwecks bei die-[86]sen, sondern auch zur Erreichung ihres Zweckes bei andern, indem sie diese Schwachen den andern, als ein nachahmungswürdiges Muster der Submission empfiehlt, und dadurch die aus der Selbstthätigkeit dieser andern entspringenden Hindernisse aus dem Wege räumt.

Diese höchste Klasse fängt gemeiniglich mit dem Stoizismus an, und endigt mit dem feinen Epikuräismus. Ihre Mitglieder bestehen aus den Frommen von der ersten Art, d.h. aus solchen, die sich eine geraume Zeit der strengsten Ausübung der Religions- und Moralgesetze, und Beherrschung ihrer Begierden und Leidenschaften gewidmet haben; da sie aber nicht, wie jene, den Stoizismus selbst als Zweck, sondern blos als Mittel zum höchsten Zweck des Menschen, nehmlich der Glückseeligkeit, betrachten, so bleiben sie nicht dabei stehn, sondern, nachdem sie davon so viel, als zu diesem Zwecke nöthig ist, in ihre Gewalt bekommen haben, eilen sie zum Zwecke selbst, d.h. zum Genusse der Glückseeligkeit.

Durch ihre Uebung im strengsten Stoizismus ist ihr Gefühl für alle Arten des Vergnügens erhöhet und veredelt worden, anstatt daß es bei den groben Epikuräern immer stumpfer wird. Durch diese Uebung sind sie auch in den Stand gesetzt worden, ein jedes vorkommende Vergnügen so lange zu verschieben, bis sie seinen wahren Werth bestimmt haben, welches bei den groben Epikuräern der Fall nicht ist.

[87]

Die Veranlassung zum Stoizismus kann aber Anfangs blos im Temperamente gelegen haben, und nur durch eine Art von Selbsttäuschung auf Rechnung der Selbstthätigkeit geschoben worden seyn. Diese Eitelkeit hat dann Muth zu wirklichen Unternehmungen dieser Art gemacht, welcher Muth durch den glücklichen Erfolg immer mehr angefeuert worden.

Noch viel weniger ist es von diesen Obern (die keine Männer von Wissenschaften sind) zu vermuthen, daß sie nach bloßer Anleitung der Vernunft auf dies System gerathen wären, vielmehr war wohl bei ihnen die Veranlassung dazu erstlich das Temperament, zweitens Religionsbegriffe, und erst hinterher mochten sie zu einer deutlichen Erkenntniß und Befolgung dieses Systems in seiner Reinheit gelangen.

Diese Sekte war also (in Ansehung des Zwecks und der Mittel) eine Art geheime Gesellschaft, die sich beinahe der Herrschaft der ganzen Nation bemächtigt hätte, wodurch eine der größten Revolutionen in derselben zu erwarten war, hätten nicht die Ausschweifungen einiger ihrer Mitglieder so viele Blößen gezeigt, und ihren Gegnern die Waffen gegen sie in die Hand gegeben.

Einige darunter, die sich als ächte Zyniker zeigen wollten, verletzten alle Gesetze des Wohlstandes, liefen auf öffentlicher Straße nackend herum, verrichteten in Gegenwart anderer ihre natürlichen [88]Bedürfnisse u. dergl. Durch ihr Extemporiren (dem Prinzip der Selbstvernichtung zu Folge) brachten sie in ihren Predigten allerhand närrisches, unverständliches und verworrenes Zeug hervor. Einige wurden dadurch wahnwitzig, so daß sie glaubten in der That nicht mehr zu existiren. Endlich kam noch ihr Stolz und Verachtung gegen andre, die nicht von ihrer Sekte waren, besonders gegen die Rabbiner, dazu, die, obschon sie ihre Mängel hatten, dennoch weit thätiger und brauchbarer waren, als diese unwissenden Müßiggänger.

Man fieng an ihre Schwächen aufzudecken, ihre Zusammenkünfte zu stören, und sie überall zu verfolgen. Dieses wurde vorzüglich durch die Autorität eines berühmten, bei der Judenschaft in großen Ansehn stehenden Rabbiners, Elias aus Wilna, bewerkstelligt; so daß man jetzt kaum einige hin und wieder zerstreute Spuren von dieser Gesellschaft findet.

Nachricht

In diesem Fragmente aus B. J. Lebensgeschichte ist (9. B. 1. St. S. 33.) bei der Erzählung, wie B. J. die lateinische und deutsche Schrift gelernt hat, ein Umstand, der zur Erläuterung dieser Stelle unentbehrlich ist, weggelassen worden, nehmlich dieser, daß B. J. die Nahmen und Ordnung der Buchstaben schon vorher zufälliger Weise erlernt hatte.

Fußnoten:

1: *) So hat ein gewisser Narr, mit Nahmen Chosek, die Stadt Lemberg (auf die er böse war) aushungern wollen; zu welchem Behuf er sich hinter die Mauer legte, um mit seinem Körper die Stadt zu blokiren. Der Ausgang dieser Blokade aber war dieser, daß er beinahe Hungers gestorben wäre, die Stadt aber vom Hunger nichts zu sagen wußte.

2: *) Siehe oben.

3: *) Orach chaiim, der Weg zum Leben.

4: *) Jore deah, Lehrer der Weisheit.

5: *) Hilchoth Eweloth, Gesetze des Trauerns.

6: *) Der Biograph des B. J. glaubt, daß in unsern Zeiten, da über geheime Gesellschaften so viel pro und kontra gesprochen wird, die Geschichte einer besondern geheimen Gesellschaft, worin B. J., obzwar nur eine kurze Zeit, verwickelt war, in seiner Lebensgeschichte nicht übergangen werden dürfe; und in diesem Magazine verdient diese Geschichte in psychologischer Rücksicht vorzüglich eine Stelle.

7: *) Baalschem heißt derjenige, der sich mit der praktischen Kabala, d.h. mit Geisterbeschwörung und Amuletenschreiben abgiebt, wozu die Nahmen Gottes und mancherlei Geister gebraucht werden.

8: *) Da B. J. nie zum Range eines Obern in dieser Gesellschaft gelangt ist, so kann die Darstellung ihres Plans nicht als ein in Erfahrung gebrachtes Faktum, sondern blos als ein durch Reflexion herausgebrachtes Raisonnement betrachtet werden. In wiefern dieses Raisonnement gegründet sey, läßt sich blos aus Analogie nach Regeln der Wahrscheinlichkeit bestimmen.

9: *) Das Sinnreiche dieser Erklärungsart besteht darin, daß im Hebräischen קנ sowohl das Infinitivum von Spielen, als ein musikalisches Instrument bedeuten, und das ב, das demselben vorgesetzt wird, sowohl mit als, als auch mit gleich ausgelegt werden kann. Die hohen Obern, die die Stellen der heiligen Schrift aus dem Zusammenhange herausrissen, indem sie dieselben blos als Vehikel zu ihren Lehren betrachteten, wählten daher diejenige Bedeutung, die ihrem Prinzip von der Selbstvernichtung vor Gott am angemessensten war.

10: *) In Ansehung des letzten Umstandes glaubt er sich noch jetzt nicht schämen zu dürfen, indem er, da er doch gewiß kein Anhänger des christlichen Glaubens ist, dennoch folgende Explikation eines katholischen Theologen von einer Stelle in dem Ezechiel (44, 1 u. 2.) nicht genug bewundern kann, wo es heißt: Und er (der Geist Gottes) führte mich wiederum zu dem Thore des äußern Heiligthums, das nach vornezu gerichtet ist; und dieses war zugeschlossen. Und der Herr sprach zu mir: dies Thor soll zugeschlossen bleiben, und nicht aufgethan werden: und niemand soll darein kommen. Denn der Herr, der Gott Israels kommt hierdurch. Es soll zugeschlossen bleiben.
Diesem Exegesen zufolge soll dieses eine prophetische Allegorie von der M. M. seyn. Man muß gestehn, daß keine sinnreichere Auslegung erdacht werden kann. Man sieht auch hieraus, welchen Einfluß Leidenschaften auf die Erhöhung der Erkenntnißkräfte haben, und wie Schwärmerei witzig macht; jeder Ausdruck ist hier der Sache angemessen; das Thor des äußern Heiligthums, das nach vornezu gerichtet ist, und dieses: war zugeschlossen. Dies Thor soll zugeschlossen bleiben, und niemand soll darein kommen; denn der Herr, der Gott Israels, kömmt hierdurch etc. Vortreflich! Wer erkennt hier nicht die M. M. an ihren Attributen? —

11: *) Ein Zug dieser, wie aller unkultivirten Menschen Verachtung gegen das andere Geschlecht.

12: *) B. J. hat einen von dieser Art kennen gelernt. Dieser war ein junger Mensch von etwa 22 Jahren, von sehr schwacher Leibeskonstitution, hager und blaß von Gesicht. Er reiste in P. als Missionair herum. Dieser Mann hatte in seinem Ansehn so etwas Fürchterliches, Gehorsamgebietendes, daß er dadurch die Menschen ganz despotisch beherrschte. Wo er hinkam, fragte er gleich nach der Einrichtung der Gemeinde, verwarf das, was ihm mißfiel und machte neue Einrichtungen, die aufs pünktlichste befolgt wurden. Die Aeltesten der Gemeinde, mehrentheils alte ehrwürdige Männer, die ihn an Gelehrsamkeit weit übertrafen, zitterten vor seinem Angesicht. Ein großer Gelehrter, der an die Unfehlbarkeit dieser hohen Obern nicht hatte glauben wollen, wurde durch einen drohenden Blick, den jener auf ihn warf, so sehr von Schrecken ergriffen, daß er darauf in ein heftiges Fieber verfiel, woran er auch gestorben ist. Diesen außerordentlichen Muth und Entschlossenheit hat dieser Mann blos durch frühzeitige Uebung im Stoizismus erlangt.