ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Ueber den Plan des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.


Auszug aus einem Briefe von S. M. an K. P. M.
Fortsetzung.

Maimon, Salomon

Der Plan, die Seelenarzeneikunde, ihre Eintheilung und systematische Ordnung nach dem Modell der Körperarzeneikunde einzurichten, ist im Allgemeinen genommen recht gut, erfordert aber eine genauere Auseinandersetzung. Ehe ich diese unternehme, muß ich erstlich von der Evidenz der Arzeneikunde überhaupt, und von ihren verschiedenen Behandlungsmethoden sprechen. Hernach werde ich erst im Stande seyn, eine Vergleichung zwischen Körper- und Seelenarzeneikunde anzustellen.

1) Was die Evidenz der Arzeneikunde überhaupt anbetrifft, so ist zu merken, daß, indem die Arzeneikunde ein besonderer Theil der Naturwissenschaft überhaupt ist, ihr keine größere Evidenz, als [2]der Naturwissenschaft überhaupt beigelegt werden kann. Eben so muß die Behandlungsmethode der Arzeneiwissenschaft keine andere, als die der Naturwissenschaft überhaupt seyn. Man ist auch in jener auf eben dieselben Abwege gerathen, als in dieser, ehe man in beiden den rechten Weg ausfündig gemacht hat. Es giebt nehmlich viererlei Arten die Naturwissenschaft zu behandeln.

A) Die Pythagoräer und Platoniker suchten die Naturerscheinungen durch die Eigenschaften der Zahlen und geometrischen Figuren zu erklären. Die Veranlassung dazu war diese: die Lehrer dieser Wissenschaft wollten dieselbe nicht durch das Profanum Vulgus, die davon keinen richtigen Gebrauch machen können, entweihen lassen. Sie versteckten sie daher unter allerhand hieroglyphische Zeichen aus der Arithmetik und Geometrie, wodurch sie die Naturerscheinungen nicht nur zu erklären, sondern auch zu bestimmen und wissenschaftlich zu behandeln suchten; deren Auslegung aber sie nur ihren geprüften Schülern mitzutheilen pflegten. Der Erfolg davon war, das die Andern, die von dieser Erklärung nichts wußten, die Zeichen für die Sache selbst hielten, und daher auf allerhand abergläubische Meinungen von der Kraft der Zahlen und Figuren geriethen. Uns kann zwar die auf diese Art behandelte antike Naturlehre nicht mehr schaden. Sie kann uns aber auch, da wir [3]die Bedeutung der Zeichen nicht wissen, zu nichts nutzen.

B) Die Peripathetische Schule sucht die Naturerscheinungen durch Materie und Form, verborgene Eigenschaften (Qualitates occultae), Sympathien, und dergleichen zu erklären, d.h. ihre Ursachen anzugeben. In der That aber heißt dieses nicht die Ursachen angeben, sondern vielmehr für die Erscheinungen selbst schickliche Nahmen ausfindig machen.

C) Die Empiriker wollten gar von keiner Erklärung aus Prinzipien, von keiner allgemeinen Theorie in der Naturerkenntniß wissen. Sie suchten blos einzelne Erfahrungen und Beobachtungen zu sammlen und zum zukünftigen Gebrauche aufzubewahren.

D) Die Mechaniker suchten alle Naturerscheinungen aus Materie und Bewegung, Figur und Lage der kleinsten Theile eines Körpers und dergleichen zu erklären.

Man kann zwar nicht leugnen, daß jede dieser Behandlungsarten der Naturwissenschaft ihren Grund hat; nur müssen die Gränzen derselben genau bestimmt werden.

Die Pythagoräer und Platoniker haben in so fern Recht, daß sie die Eigenschaften der Zahlen und Figuren, d.h. die Lehrsätze der Mathematik zur Erklärung der Verhältnisse der Naturerscheinungen und ihrer Bestimmung a priori gebrau-[4]chen. Denn da alle körperlichen Naturerscheinungen von der Bewegung abhängen, so ist es nothwendig, daß dieselben aus der Lage, Figur und Größe der bewegten Körper, aus den verschiedenen Arten und Graden der Bewegung, nach allgemeinen Naturgesetzen bestimmt werden. Nur muß diese Erklärungsart nicht die Gränzen ihres Gebrauchs überschreiten, und zur Erklärung der Entstehungsart der Erscheinungen selbst, worauf sich die Mathematik nicht anwenden läßt, gebraucht werden.

Die Peripathetiker haben auch guten Grund in ihrer Naturlehre, Kräfte, verborgene Eigenschaften und dergleichen zu gebrauchen, wenn sie nur dadurch nicht die Ursachen, sondern die Arten der Erscheinungen selbst verstehen; in so fern sie verschiedene Grade annehmen können. Wir können z.B. von einer Anziehungskraft sprechen, wodurch wir blos die Würkung der Anziehung, nicht aber ihre Ursache verstehen. Diese ist in Ansehung unserer eine Qualitas occulta. Jene hingegen hat ihre eigenen Gesetze, wodurch wir von derselben als von etwas für sich Bestehendem sprechen, und ihre Grade bestimmen können. So ohngefähr, wie wir in der Algebra die unbekannten Größen x oder y nennen, und dadurch im Stande sind, aus den Bedingungen einer jeden Aufgabe dieselben zu bestimmen; so können wir auch die Größe der Anziehung, die Kraft selbst mag uns noch so unbekannt seyn, in jedem besondern Falle bestimmen.

[5]

Das Wort Anziehungskraft ist hier das x, dessen Größe aus den gegebenen Bedingungen bestimmt werden soll.

Die Empiriker haben allerdings Recht, die Erfahrung zur Grundlage ihrer Naturerkenntniß zu machen. Nur muß diese nach den logischen Gesetzen der Erfahrung geschehen, wodurch die Erfahrungserkenntniß zu einer Erkenntniß a priori erhoben, und durch die Mathematik bestimmt werden kann.

Endlich haben auch die Mechaniker Recht, wenn sie die Naturerscheinungen aus den bekannten mechanischen Gesetzen auf besondere Fälle angewandt zu erklären suchen. Nur müssen sie hierin die Gränzen nicht überschreiten, und um den Mangel der Erfahrung zu ersetzen, ihrer Hypothese angemessene Figuren und Lagen der kleinsten körperlichen Theile erdichten.

Diese Bemerkungen treffen auch insbesondere in Ansehung der Arzeneikunde ein.

Die alten Aerzte verbargen ihre Weisheit unter Hieroglyphen. Diese gaben hernach Anlaß zu manchen abergläubischen Kuren, zum Glauben an die Kraft der Zahlen und Buchstaben, Amuletten und dergleichen.

Hippokrates war ein guter Empiriker, Galenus, ein Peripathetiker; Boerhave verband mit der Methode der Alten noch die Mathematik und Chimie. Hoffmann richtete seine Hauptauf-[6]merksamkeit auf die feinern Theile des menschlichen Körpers; nehmlich auf das Nervensystem. Stahl trieb die Verfeinerung der Arzeneikunde noch weiter. Er behauptete, daß nicht nur alle Würkungen des gesunden Körpers von der Herrschaft und Würksamkeit der Seele, welche beurtheilt, was demselben nützlich und gut ist, abhängen, sondern daß auch die mehrsten Zeichen und Anzeigen eines widernatürlichen Zustandes, d.h. einer Krankheit, von der nehmlichen Ursache herrühren, und nichts anders, als eine zuweilen mit gutem, zuweilen auch mit schlechtem Erfolg verknüpfte Bemühung der Seele seyn, die Ursache der Krankheit zu heben.

Die Seelenarzeneikunde kann so wenig von der Mathematik, als von der Chimie Gebrauch machen. Ihre Behandlungsmethode kann auf einem von diesen dreien Principien beruhen.

1) Wird angenommen, daß die Seele ein vom Körper unabhängiges Daseyn habe, und mit andern Wesen ihrer Art, mit Geistern, in Verbindung und Wechselwürkung stehe. Diesem zufolge besteht also die Seelengesundheit in der guten Korrespondenz zwischen der Seele und den andern Wesen ihrer Art, mit denen sie in Beziehung steht; so wie die Seelenkrankheit das Gegentheil davon ist, nehmlich ein bloßes Leiden der Seele von den Würkungen der andern Wesen. Die Geisterwelt wird eben so wie die Körperwelt nach gewissen Gesetzen regiert. Die Seelenarzenei-[7]kunde beruht also auf der aus der Magie geschöpften Kenntniß dieser Gesetze von der Würkung der Geister aufeinander. Hieraus entsprangen die Geisterbeschwörungen und Bannungen, Zauberkaraktere, Amuletten, und dergleichen, wodurch man die Seelenkrankheit, oder ihr Leiden von den andern Geistern zu heben suchte. Dieses System beruhte also auf dem Mangel an Einsicht der Verbindung zwischen Seele und Körper, wie auch auf dem Mangel an einer guten Psychologie überhaupt.

2) Die Materialisten halten die Seele für kein für sich bestehendes, vom Körper unabhängiges Wesen, sondern blos für eine Modifikation des Körpers selbst. Sie suchen daher alle ihre Veränderungen aus den Veränderungen des Körpers zu erklären. Die Seelenarzeneikunde macht also in diesem Systeme keine von der Körperarzeneikunde verschiedne Wissenschaft aus.

3) Die Dualisten nehmen an, daß Seele und Körper zwar miteinander verknüpft seyn, aber doch auch ohne einander bestehen können, und daß außer den Veränderungen, die sie wechselsweise ineinander hervorbringen, sie auch ihren eignen Würkungskreis in sich selber haben.

Nur nach diesem Systeme ist sowohl Seelenkrankheits- als Seelenarzeneikunde möglich. Seele und Körper stehen in genauer Verbindung miteinander; die Veränderungen der Seele veranlassen [8]ihnen korrespondirende Veränderungen des Körpers, und so auch umgekehrt; und es kömmt also in der Seelenarzeneikunde blos auf diese Untersuchung an: ob man unmittelbar in dem Körper oder in der Seele Veränderung der Krankheit hervorbringen solle?

Ich bemerke aber, daß ohngeachtet dieser genauen Verbindung zwischen Seele und Körper, die Seele auch in sich selbst würkt, d.h. Modifikationen hervorbringt, denen keine körperliche Modifikationen entsprechen. Von dieser Art sind die Würkungen der sogenannten höhern Seelenkräfte und des freien Willens. Jene, in so fern sie von den Bedingungen der Sinnlichkeit, Zeit und Raum, unabhängig sind, folglich ihnen nichts Sinnliches entsprechen kann. Denn einer sinnlichen Vorstellung entspricht allerdings eine besondere körperliche Modifikation; einem Verstandesbegriffe und Urtheile hingegen kann keine körperliche Modifikation entsprechen, weil diese in Zeit und Raum entsteht, jene aber nicht. Diese, nehmlich die Würkungen des freien Willens sind nicht nur von den Organenwürkungen unabhängig, sondern sogar denselben entgegengesetzt. Denn eine gewisse Veränderung in den Organen bringt eine angenehme Empfindung, und diese einen Trieb hervor. Der freie Wille aber widersetzt sich diesem Triebe.

Dieses vorausgeschickt, werde ich auch im Stande seyn, zu erklären, worin die Seelenge- [9] sundheit und Seelenkrankheit überhaupt bestehe. Seelengesundheit ist nehmlich derjenige Seelenzustand, worin die Würkungen des freien Willens ungehindert ausgeübt werden können; so wie Seelenkrankheit in dem entgegengesetzten Zustande besteht. Die Ursache der Seelenkrankheit überhaupt muß, wenn sie nicht Körperkrankheit seyn soll, blos in einer aus Gewohnheit entsprungenen Fertigkeit zu einer besondern Associationsart bestehen, die so stark geworden ist, daß sie eine jede andere Associationsart unmöglich macht.

Die Kurmethode der Seelenkrankheit besteht also blos darin, daß man diese herrschende Associationsart zu schwächen, und mit den andern ins Gleichgewicht zu bringen sucht.

Der größte Seelenarzt, der uns aus der Geschichte bekannt ist, war ohne Zweifel Sokrates. Seine Heilmethode war, die Krankheit von Grund aus zu kuriren, d.h. die Irrthümer und Vorurtheile, als die Ursachen der Krankheit, dadurch zu heben, daß er die daran Leidenden von ihrem Ungrunde überzeugte.

Die Stoiker waren auch vortreffliche Seelenärzte. Aber wie es scheint, haben sie sich vielmehr mit der Diätetik, und Verhütung der Krankheiten, als mit ihrer Heilung, nachdem sie schon ausgebrochen, beschäftigt.

Selbst Epikur war ein guter Seelenarzt. Er unterschied sich von den Stoikern blos darin, daß[10]nach diesen eine Seelenkrankheit, gleich wie eine Körperkrankheit nach den Neuern, durch den Mangel oder die Unordnung der Seelenverrichtungen erkannt wird. Beim Epikur aber eine Seelenkrankheit durch den Schmerz oder die Unbehaglichkeit und Unzufriedenheit mit sich selbst, sich zu erkennen giebt. Sobald als diese gehoben wird, mag übrigens die Seele ihre Thätigkeit auf eine vollständige Art äußern oder nicht, so ist sie, ihm zufolge, für völlig gesund zu halten. Die Stoischen Grundsätze sind bei ihm blos ein sichres Mittel diese Seelenruhe und Zufriedenheit zu erhalten, indem man nicht immer den äußern Mitteln dazu trauen darf.

Gesetzt aber ein Wollüstling besitze alle Mittel zur Befriedigung seiner Begierden, und genieße sie würklich während seines ganzen Lebens, so ist seine Seele nach Epikur bei ihrer völligen Gesundheit, indem er der Zufriedenheit als des Merkmaals der Gesundheit beständig genießt. Nach den Stoikern hingegen ist dieser Wollüstling bei aller seiner Zufriedenheit dennoch seelenkrank, indem seine Seele ihrer Selbstthätigkeit beraubt, ein Spiel der äußern Ursachen ist. Er gleicht denjenigen gefährlichen Kranken, die selbst die Empfindung der Krankheit verlohren haben. Die Stoiker hielten nicht nur einen Tollen, einen Rasenden und dergleichen für seelenkrank, sondern auch einen Geizigen, einen Ehrsüchtigen und dergleichen. Ja sie beschäftigten [11]sich blos mit Heilung dieser Krankheiten, indem sie an der Hebung jener verzweifelten. Und wie ich glaube, nicht ohne Grund. Denn was kann ein Psycholog, ein Moralist mit diesen machen? Hier hilft kein Ueberzeugen, kein Ueberreden. Man muß dergleichen Kranken der Fürsorge der gütigen Natur überlassen.

Die neuern Seelenärzte scheinen die älteste Methode aufs neue hervorgesucht zu haben. Nehmlich die Seelenkrankheiten durch Locos Communes, d.h. gleichsam durch Worte und Zauberformeln zu kuriren, wie z.B. die Tugend macht glückseelig; sie ist ihre eigne Belohnung und dergleichen sind; ohne sich darüber zu erklären, was sie doch unter dieser Tugend verstehn, und noch weniger die Wahrheit ihrer Lehre zu beweisen, und ihre Ausübung möglich zu machen. Den Ehrgeizigen kuriren sie mit diesen Worten: die Ehre ist eitel. Dem Geizhals sagen sie: der Geiz ist ein schändliches Laster, und dergleichen Sprüchelchen mehr, wodurch nie jemand besser geworden ist.

Ich komme nun zu der Vergleichung zwischen der Seelen- und Körperarzeneikunde.

1) Der Physiologie in der Körperarzeneikunde kann die Psychologie in der Seelenarzeneikunde entsprechen. Aber die Physiologie ist die Lehre von den körperlichen Verrichtungen im gesunden Zustande. Der gesunde Zustand des Körpers ist derjenige, worin die, aus seiner besondern Orga-[12]nisation, nach den bekannten Naturgesetzen sich erklärenden Würkungen ungehindert erfolgen. Die besondere Organisation ist uns aus der Anatomie bekannt. Die Würkungen derselben aber wissen wir theils a priori aus den bekannten Gesetzen der Mechanik, theils aber auch durch Erfahrung und Beobachtung.

Was sollen wir aber in der Psychologie zum Grunde legen, um dadurch den Zustand der Seelengesundheit zu bestimmen? Oder mit andern Worten: wodurch erkennen wir, ob die Seele gesund sey, und alle ihrem Wesen mögliche Verrichtungen ungehindert erfolgen?

Wird man sagen, wir erkennen es daraus, daß alle uns bekannten Seelenvermögen ihre Würkungen in einer solchen Proportion äußern, daß dadurch die größte Summe aller Würkungen hervorgebracht wird; so frage ich abermals: wodurch erkennen wir diese heilsame Proportion, und nach welchem gemeinschaftlichen Maasstabe sollen wir diese verschiedenen Seelenvermögen abmessen, um dadurch diese Proportion herauszubringen?

Wird man sagen, daß diese Proportion nicht an sich, sondern blos durch ihren guten Erfolg in Beziehung auf das besondere Subjekt, durch die dadurch hervorgebrachte Zufriedenheit mit sich selbst oder Glückseeligkeit erkannt werde; so müßte man manchen aus dem Tollhause, der sich in seiner Tollheit glücklich dünkt, für keinen Seelenkranken halten.

[13]

Werther traf einst einen Menschen an, der, nachdem er aus dem Tollhause, worin er wegen seiner Raserei einige Zeit eingesperrt gewesen war, befreiet worden, blos noch in eine niemanden schädliche tiefe Melancholie versenkt war. Dieser erzählt ihm: »es war einmal eine Zeit, da mir's so wohl war, jetzt ist es aus mit mir. Ich bin nun u.s.w.« — und auf Befragen, ob er würklich einst glücklich gewesen sey? antwortet er: »ach ich wollte ich wäre wieder so, da war mir's so wohl, wie einem Fische im Wasser (wodurch er den Zustand seiner Tollheit versteht).«*) 1 Und sollte dieses auch keine wahre Anekdote, sondern eine bloße Erdichtung vom Verfasser seyn, so ist diese Bemerkung doch nicht minder wahr, und kann durch tausend Beispiele bestätigt werden.

2) Pathologie. Gesetzt wir hätten eine Erklärung der Seelengesundheit, und folglich auch der Seelenkrankheit (der Abweichung vom vorigen Zustande) ausfindig gemacht, so ist es doch unmöglich, die Seelenkrankheitslehre so vollständig systematisch zu behandeln, als die Körperkrankheitslehre.

Denn nehmen wir die Krankheit des Körpers in ihrem höchsten Grade, in ihrem völligen Ausbruche, so kann die letztere Art (weil die Krankheiten des Körpers sich unsrer Beobachtung häufiger und [14]mannigfaltiger, als die der Seele darbieten; indem fast jeder Mensch in seinem Leben in eine Krankheit des Körpers gerathen muß; da es hingegen sehr selten geschiehet, daß ein Mensch toll oder rasend wird) nicht blos a priori, sondern auch durch Erfahrung und Beobachtung vollständig behandelt werden.

Mit den Krankheiten der Seele ist es hingegen ganz anders beschaffen. Ein Mediciner würde es sehr übel nehmen, wenn man sagen wollte, daß es noch viele Krankheiten gäbe, wovon er, aus seiner Theorie, nichts wisse. Ein Engländischer vortreflicher mathematischer Arzt drückt sich hierüber folgendermaßen aus: »ich zweifele nun gar nicht, die so wichtige Aufgabe: gegen eine jede gegebne Krankheit, auch ein Mittel zu erfinden — aufgelöst und beantwortet zu haben, und kann mir also mit Recht schmeicheln, dieses so große Geschäft glücklich zu Stande gebracht zu haben.«*) 2 Und sollte eine Krankheit ihm vorkommen, die von allen ihm bis jetzt bekannten noch so sehr verschieden wäre, so wird er sie doch zu klassifizieren wissen, und ihre Verschiedenheit aus besondern zufälligen Umständen zu erklären suchen. Der Seelenarzt aber kann hierin noch nicht so sicher zu Werke gehn.

[15]

Betrachten wir hingegen die Seelenkrankheit in ihrem Anfange, so wird jeder Mensch, außer den Stoischen Weisen, für ziemlich seelenkrank gehalten werden müssen, welches doch mit den Krankheiten des Körpers ganz anders beschaffen ist.

3) Die Therapie in der Seelenarzeneikunde ist auch von der in der Körperarzeneikunde sehr verschieden. In dieser kömmt man der Krankheit durch äußere Mittel zu Hülfe, deren Würkung nach allgemeinen Gesetzen der Erfahrung bekannt ist. Ist zum Beispiel eine Stockung der Säfte die Ursache der Krankheit, so bedienen wir uns der aus der Chimie bekannten Auflösungsmittel, deren Würkung nicht nur im menschlichen Körper sondern allgemein ist; und so verfahren wir auch in andern Fällen. In der Seelenarzeneikunde hingegen können wir uns keiner äußern Mittel bedienen, sondern, so wie die Ursache der Krankheit in der Seele selbst, so müssen auch die Mittel dawider in ihr selbst gesucht werden. Die Seelenarzeneikunde kann auch nicht wie die Körperarzeneikunde von der Mathematik, Mechanik oder Chimie einen Gebrauch machen.

Von einer andern Seite betrachtet aber ergiebt es sich, daß ohngeachtet aller dieser Verschiedenheiten, die Seelenarzeneikunde nicht nur auf einen eben solchen Fuß, wie die Körperarzeneikunde eingerichtet werden, sondern in gewissem Betracht dieselbe sogar an Evidenz übertreffen kann. Der Anatomie in dieser entspricht die Analysis der ver- [16] schiedenen Seelenvermögen in jener. Diese hat aber einen beträchtlichen Vorzug vor jener, indem die Anzahl der Seelenvermögen weit geringer, als die der Theile des menschlichen Körpers ist.

Was die Seelen-Physiologie und Pathologie oder die Bestimmung der Seelengesundheit und Krankheit anbetrifft, so verfährt man hierin am sichersten, wenn man verschiedene Seelenkrankheiten untereinander vergleicht, und das Allgemeine davon abstrahirt. Ich glaube daher, folgende Erklärung festsetzen zu können. Eine Seelenkrankheit ist derjenige Zustand der Seele, worin sie ihre freiwilligen Handlungen nicht ausüben kann; so wie der diesem entgegengesetzte Zustand Seelengesundheit ist; wenn nehmlich die Seele ihre freiwilligen Handlungen ungehindert ausüben, wenn sie aus eigner Macht eine Associationsreihe anfangen, fortsetzen, unterbrechen, und mit einer andern vertauschen kann. Wovon das Gegentheil bei allen Arten der Tollheit, des Wahnwitzes und der Raserei zu bemerken ist, wo die Seele entweder an eine besondere Associationsreihe so gebunden ist, daß sie sich auf keine Weise davon loszumachen im Stande ist, oder wo sie sich an gar keiner zweckmäßigen Associationsreihe festhalten kann, sondern beständig von der einen zur andern herumgetrieben, gleichsam ein Marionettenspiel des Zufalls ist.

[17]

Die Seelenheilkunde erfordert zwei Stücke. 1) Richtige Beurtheilung der Krankheit. 2) Kenntniß der Kräfte der Arzeneimittel. Das Erstere besteht in der Beurtheilung einer jeden Seelenkrankheit, ob sie blos Schwäche eines Seelenvermögens, oder zu große Stärke und Ueberspannung desselben zum Grunde hat? Eine angebohrne Schwäche, z.B. Dummheit, Indolenz, Unfähigkeit zu allen demjenigen, was eine mäßige Anstrengung der Seelenkräfte erfordert, kann ohnmöglich durch die Seelenarzeneikunde gehoben werden, und ist also kein Gegenstand derselben. Ist aber diese Schwäche nicht angebohren, ist sie keine Negation eines Seelenvermögens selbst, sondern blos eine Privation seiner Würkung, so ist sie allerdings ein Gegenstand der Seelenarzeneikunde, und kann durch dieselbe gehoben werden.

Entsteht diese Privation dadurch, daß ein anderes diesem entgegengesetztes Seelenvermögen die Oberhand erhalten hat, so daß es die Würkung des gegebenen vernichtet, so kömmt es hier auf die Untersuchung an, ob die Summe der Seelenwürkungen überhaupt dadurch vermehrt oder vermindert werde?

Im ersten Falle ist es blos eine Scheinprivation und für keine Seelenkrankheit zu halten. Wenn ein Newton aus Zerstreuung (eher sollte dieses Sammlung heißen) bei seinem Nachdenken über das Weltsystem zuweilen den äußern Wohl-[18]stand verletzt; und N. auf den modigen Zuschnitt und Farbe seines Kleides seine ganze Aufmerksamkeit wendet, den ganzen Vormittag mit seinem Anzuge, Frisur, und sich im Spiegel zu begucken zubringt, und so ausgeschmückt, mit einer Ladung nouvelles des jours befrachtet, in großen Gesellschaften erscheint, so werden freilich diese jenen ungefähr wie die Abderitten den Demokrit, für seelenkrank und diesen für gesund ausgeben.

Der wahre Seelenarzt aber wird, gleich einem Hippokrates, hierinnen ganz anders urtheilen. Er bemerkt an jenem einen höhern Grad der Seelenwürksamkeit, als an diesem, sowohl in Ansehung der Mannigfaltigkeit, als der Einheit (worin die eigentliche Seelenwürkung besteht), wodurch nicht nur dieses Mannigfaltige in systematischer Ordnung zu einem Ganzen der Erkenntniß verknüpft und auf einmal übersehn wird, sondern welches auch Grund zu neuer Erkenntniß ist, welches aber bei diesem nicht der Fall ist. Bei jenem ist die Associationsart objektiv nothwendig (nach der innern Verknüpfung von Grund und Folge, Ursache und Würkung) und subjektiv freiwillig. Bei diesem hingegen ist sie objektiv zufällig, und subjektiv mechanisch.

Wird aber die Summe der Seelenwürkungen dadurch vermindert, ist irgend eine Associationsart so mächtig geworden, daß sie keine andere mehr zuläßt, oder sind verschiedene Associationsarten sich [19]einander so entgegengesetzt, daß sie einander wechselsweise ihre Würkungen heben; liegt nicht blos Zerstreuung und Unaufmerksamkeit auf die Data eines Urtheils, sondern ein durch eine Leidenschaft mißgeleitetes Urtheil selbst, der bemerkten Seelenverwirrung zum Grunde; alsdann ist dieses eine wahre Seelenkrankheit, und muß der Sorge des Seelenarztes überlassen werden. Hat dieser sowohl die Krankheit selbst, als ihre Ursache entdeckt, so kann er zur Kur schreiten.

Die beste Methode hierinnen, so wie in der gemeinen Arzeneikunde, ist, die Natur genau zu beobachten, ihr keine Gewalt anzuthun, sondern vielmehr ihr bloß zu Hülfe zu kommen. Eine Leidenschaft muß nicht unterdrückt, sondern gehörig geleitet, oder durch eine andere gemäßigt werden. Diese Kurart geht freilich langsam; aber auch desto sicherer von statten.

Bei gefährlichen Krankheiten hingegen muß man die schleunigsten Mittel ergreifen, wenn sie gleich nicht die Besten seyn mögen. Man muß ohne Zeitverlust die gefährlichen Symptome zu heben suchen, obgleich die Ursache der Krankheit selbst dadurch noch nicht gehoben wird. Ist die durch eine heftige Leidenschaft verursachte Seelenverwirrung noch nicht in Tollheit und Raserei ausgeartet, so suche man die Krankheit von Grunde aus, durch Hebung ihrer Ursache, zu heben. Ist es aber damit schon so weit gekommen, und zu be-[20]sorgen, daß ehe diese langwierige methodische Kurart ihre Würkung äußern werde, der Kranke sich selbst oder andern unheilbaren Schaden zufügen könne, so muß man zur bessren Sicherheit denselben ins Tollhaus schicken und an Ketten schmieden lassen.

Eine angehende Leidenschaft kann durch Vernunftgründe, und Vorstellung ihrer Schädlichkeit, ohngefähr wie eine Krankheit des Körpers in den primis viis durch Abführungsmittel gehoben werden. Eine eingewurzelte Krankheit hingegen erfordert erst eine weitläuftige Preparation dazu.

Es kömmt hier nicht so sehr auf Theorie, als auf praktische Beurtheilung an. Es gehört dazu viele Erfahrung und Menschenkenntniß, und ein hoher Grad von Geduld. Man muß mit dem Kranken verschiedene Proben machen, und sich durch einen mißlungnen Erfolg nicht abschrecken lassen. Freilich müssen dergleichen Versuche nicht gänzlich aufs Gerathewohl angestellt werden. Sie müssen durch eine Theorie, diese mag noch so unvollkommen seyn, geleitet werden.

Bakon sagt: »Derjenige, der etwas sucht, pflegt, das was er sucht, unter einer allgemeinen Idee zu begreifen, weil derselbe sonst solches, wenn er es entdeckt hat, ja nicht erkennen könnte. Je vollkommner und richtiger aber unsere vorgefaßte Idee ist, desto zweckmäßiger und kürzer wird auch [21]unsere Untersuchung seyn. So wie aber einer einen Weg auf dreierlei Weise machen kann, indem er entweder im Finstern tappt, oder, wenn er nur wenig sieht, von der Hand eines andern geführt wird, oder derselbe endlich seinen Schritt nach einem vollen Lichte richtet, so gleicht auch einer der alle Arten von Versuchen ohne eine Ordnung oder Methode macht, blos einem im Finstern Tappenden. Richtet er sich bei seinen Versuchen nach einiger Anweisung und Ordnung, so ist dieses eben so viel, als wenn er an der Hand geleitet würde. Allein die wahre Ordnung der Erfahrung zündet erst ein Licht an, und bezeichnet durch solches den Weg, indem sie von den in Ordnung gebrachten gehörig durchgearbeiteten und nicht falschen Erfahrungen anfängt, aus solchen gewisse allgemeine Grundsätze herleitet, und auf diese Letztern wieder neue Versuche gründet. Alles dieses ist um desto nöthiger, weil nicht einmal Gott, da er die Welt erschuf, auf die Masse der Dinge ohne eine gewisse Ordnung gewürkt hat.«

»Es dürfen sich daher, fährt Bakon weiter fort, die Menschen gar nicht verwundern, daß sie die Wissenschaft noch nicht zu der nothwendigsten Vollkommenheit gebracht haben, weil sie dabei so oft von dem wahren Wege abgewichen sind, und die Erfahrung entweder ganz verlassen, oder in solcher, da sie keiner gewissen Ordnung folgten, sich verwirrt und herumgeschweift haben; da uns blos eine gehörig eingerichtete Ordnung beständig durch [22]die Wildniß der Versuche zu der freien offnen Gegend der allgemeinen Grundsätze führt.«

Ferner heißt es: »Man muß nicht nur mehrere und andere Versuche als wie bisher anstellen, sondern solche auch nach einer ganz andern Methode und Ordnung einrichten und fortsetzen. Eine unbestimmte und sich selbst überlaßne Erfahrung ist nur schwankend, und mehr betäubend als unterrichtend. Geht aber die Erfahrung nach bestimmten Gesetzen, einer gewissen Folge und Zusammenhang fort, so kann man hoffen, daß die Wissenschaften in einen bessern Zustand werden gesetzt werden.«

Ich werde in der Folge Gelegenheit nehmen, von besondern Seelenkrankheiten zu sprechen, jetzt aber blos etwas im Allgemeinen beifügen. Die Seelenkrankheiten können überhaupt in zwei Hauptarten eingetheilt werden. Denn da, wie schon bemerkt worden, Seelenkrankheit überhaupt in Beraubung der Seelenfreiheit besteht, diese aber zweierlei Art seyn kann, daß nehmlich dadurch die Seele entweder in Unthätigkeit oder in eine bestimmte Art der Thätigkeit gesetzt wird, wovon sie sich nicht befreien kann, so ist die erste Art der Seelenkrankheiten eine entweder allgemeine oder in Ansehung einer besondern Art der Thätigkeit herrschende Seelenschwäche; oder die Unfähigkeit eine Reihe von Ideen zweckmäßig zu verfolgen; die zweite Art hingegen eine mechanische Thätigkeit, oder ein Zwang eine gewisse Reihe von Ideen be-[23]ständig zu verfolgen, ohne im Vermögen zu seyn dieselbe abzubrechen, und zu einer andern überzugehn.

Es versteht sich aber von selbst, daß diese beiden Arten nur alsdann Krankheiten genannt werden, wenn sie einen merklichen Grad erreicht haben. Zu der ersten Art gehört z.B. das Kindisch werden im hohen Alter, wie auch der Zustand der Muthlosigkeit, Verzweifelung und Gleichgültigkeit gegen alles, worin man durch lang anhaltenden Kummer versetzt wird. Zur zweiten gehören alle Arten der Raserei, des Wahnwitzes und dergleichen.

Es geschieht auch oft, daß der Patient von der zweiten Art zur ersten übergeht. Er tobt alsdann so lange, bis sich seine Kräfte verzehrt haben, und er in eine Betäubung und Ohnmacht geräth. Selten aber geschieht es umgekehrt, daß einer von der ersten Art zur zweiten übergehen sollte.

Da ich aber in der Folge bei Behandlung der besondern Seelenkrankheiten mich umständlicher darüber erklären werde, so will ich mich jetzt hierbei nicht länger aufhalten.

Salomon Maimon.

Fußnoten:

1: *) Siehe die Leiden des jungen Werthers, den 2ten Theil.

2: *) Siehe Gregory's Uebersicht der theoretischen Arzneiwissenschaft etc. Vorrede.