ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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3.

Ueber Selbsttäuschung. a

Moritz, Karl Philipp

In der menschlichen Natur giebt es gewiß kein unerklärbareres Phänomen, als die Möglichkeit, sich selber zu täuschen, gleichsam als ob man ein von sich selbst verschiedenes Wesen wäre, daß zweierlei Interesse hätte.

Da nun kein Mensch leicht den andern täuscht, ohne sich irgend einen Vortheil davon zu versprechen, so scheint es auch, als ob man sich selber unmöglich täuschen könne, ohne irgend einen Vortheil von dieser Täuschung zu erwarten, oder zu geniessen.

Wer aber hiebei betrogen wird, ist demohngeachtet niemand, als wir selbst; und doch wäre es ungereimt zu sagen, daß irgend ein Mensch die Absicht haben könnte, sich selbst im Ernst zu betrügen. —

Um dieses Räthsel aufzulösen sind die sonderbaren Beispiele von Selbsttäuschung in dem Leben der Menschen äusserst wichtig; und verdienen in jeder Rücksicht näher erwogen zu werden.

Offenbar findet der meiste Selbstbetrug bei den religiösen Empfindungen statt, welche man sich oft zu haben Mühe giebt, und am Ende wirklich zu haben glaubt, indem man bei leerem Herzen, in Ergiessungen des Danks und der Ehrfurcht ausbricht, die man nicht mehr für erkünstelt hält, und die es dennoch sind.

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Dergleichen Ergiessungen finden sich häufig in diesem kleinen Buche, und dienen zum Beweise, bei welchem Grade von Frömmigkeit der Mensch dennoch gegen sich selber ein Heuchler seyn, und bei welchem Grade von Aufrichtigkeit er dennoch sich gegen sich selber verstellen könne.

Denn wer dergleichen Empfindungen in seinen Worten und Gebehrden lügt, um andre Menschen damit zu täuschen, bei dem läßt sich dies Verfahren leicht erklären; wer aber diese Empfindungen in sich selbst erkünstelt, um sie für sich zu haben, wenn auch niemand ausser ihm sie bemerkte, bei dem sollte man kaum noch Verstellung ahnden, wenn dieselbe nicht noch einen Schlupfwinkel hätte, nehmlich den, daß der Mensch auch vor sich selber eine Rolle zu spielen, im Stande ist.

Ein jeder sucht nehmlich, mehr oder weniger in irgend einer Stellung oder Mine, die ihm an andern wohlgefällt, auch sich selber wohl zu gefallen, und trägt das Fremde mehr oder weniger in sich über.

Und so wie nun die Neigungen verschieden sind, so findet der eine z.B. ein vorzügliches Wohlgefallen an dem äussern Ausdruck einer tiefen Andacht; der andre an dem äussern Ausdruck einer vorzüglichen innern Stärke und Seelengröße; und wieder ein andrer an dem Ausdruck eines sanften und ruhigen Charakters, dem eine vorzügliche Liebenswürdigkeit eigen ist.

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Weil nun aber dies Wohlgefallen mehr an dem äussern Ausdruck, als an der innern Grundlage, mehr an dem Schein als an der Wirklichkeit haftet; so muß auch die Uebertragung des Fremden nothwendig steif und erkünstelt werden, weil man dieselbigen Erscheinungen ohne dieselbe Unterlage hervorbringen will.

Denn wenn man die Wirklichkeit dem Scheine vorzöge, so würde man kein Bedürfniß haben, das Fremde in sich zu übertragen, sondern man würde in sich selbst zurücksinken, um aus seiner eigenen Grundanlage, dasjenige herauszuarbeiten, was darin enthalten ist, sey es so viel oder so wenig es wolle.

Wen nun aber seine Neigung einmal zu dem Scheinbaren hinzieht, dem ist der Vorzug der Realität freilich nicht so leicht begreiflich zu machen. — Denn wenn die Realität mehr inneres Gewicht hat, so hat das Scheinbare wieder eine größere Ausbreitung.

Und der Mensch ist in diesem Falle größtentheils so beschaffen, daß wenn sich ihm die Gelegenheit dazu darbietet, er lieber etwas Ausgebreitetes blos scheinen, als etwas in sich Zurückgezogenes und Unbemerktes wirklich seyn will.

Was Wunder denn, daß auch selbst religiöse und tugendhafte Empfindungen, in einem übertriebenen und überspannten Grade, lieber von den Menschen erkünstelt werden, als daß sie sich mit [35]dem, wozu ihre Natur wirklich fähig und ihre Fiber gestimmt ist, begnügen sollten, welches immer noch mehr seyn würde, als alles, was sie durch erzwungene Nachahmung in sich hervorzubringen streben.

Es ist unglaublich, wie viele Menschen an dieser Krankheit leiden, welche das vernachlässigen was sie sind, ohne das je zu erreichen, wornach sie streben, weil das wornach sie streben nur eine fremde Oberfläche und nicht das Wesentliche ist, daß in ihnen so gut, wie in jedem andern verborgen liegt, und nur Ruhe und Stille der Seele erfordert, um aufzukeimen, und in Aeste und Zweige sich auszubreiten.

Es gehört eine gewisse Art von Verläugnung und Ertödtung dazu, um gänzlich auf den Schein Verzicht zu thun. — Aus dieser Ertödtung selber aber keimt bei demjenigen, welcher sich ihr unterzieht, sicher ein neues Leben hervor, daß allen Schimmer überwiegt.

Die Seele kann erst dann mit sich selber in ein dauerndes Gleichgewicht kommen, wenn Kraft und Wille harmonisch übereinstimmen. — Denn der Wille welcher die Kraft übersteigt, ist grade dasjenige was zum Scheine zwingt.

Wünsche nach etwas Höhern sind freilich deswegen unvermeidlich, weil so viele fremde Begriffe in eins überströmen, die uns etwas kennen lehren, das wir selbst nie zu erreichen im Stande sind. — [36]Wer sich aber in der Republik der Geister und mit dieser zusammen denkt, der wird auch jedes höhere Talent als ein gemeinschaftliches Gut betrachten, das allen verhältnißmäßig zugehört, und welches selbst dem der es besitzt, oft kein so reines und unvermischtes Vergnügen gewährt, als dem welcher sich mit stillem Genuß daran ergötzt.

Eine jede Seelenkraft die sich in ihrem Maaß ausbildet, ist, ganz ohne Vergleichung, für sich selbst das Höchste. — Niemand darf scheinen, um mit in Reihe und Glied zu stehen, sondern ein jeder hat den innern Gehalt und Werth dazu in sich selber.

Es ist der düstre umnebelte Blick, welcher den reichen Fond von Anlässen zu allem Großen und Schönen, der in der Menschheit schlummert nicht wahrnimmt, weil er nur auf sein Individuum sich beschränkt, und über dessen Grenzen nicht hinausgeht. —

Wer nun über das Wesentliche hinwegsieht, muß zu dem Unwesentlichen bei dem inwohnenden Triebe sich auszubreiten, nothwendig seine Zuflucht nehmen. — Die eigentliche Wurzel bleibt vernachlässigt und verdorret, indeß ein fremdartiges Gewebe sich umher spinnt.

Daß man nach dem alten Sprichwort so viele Bilder und Erscheinungen von Menschen, und wirkliche Menschen so wenig sieht, hat blos in dieser Sucht das Fremdartige in sich überzutragen, [37]seinen Grund, wodurch wahre innere Kraft und Würde unter den Menschen so selten werden.

Die Philosophie der Alten arbeitet daher immer auf den Satz hin, sich durch nichts Aeusseres blenden zu lassen, nichts anzustaunen und zu bewundern, sondern in sich selber den einzigen wahren Beruhigungspunkt zu finden, der uns alle äussern Dinge in ihrem gehörigen gemäßigten Lichte erscheinen, und unsre Wünsche uns auf das, was wir uns selber geben können, beschränken läßt.

Wenn irgend etwas fähig ist, vor der Selbsttäuschung zu bewahren, so ist es eine solche ruhige Stimmung der Seele, welche wie ein heiterer Spiegel, jede Art von Affektation und falschem Streben, das in uns sich regen will, uns augenblicklich selbst bemerken läßt, und uns wieder in den Zustand versetzt, wo wir über unsre eigne Thorheit lächeln. —

Moritz.

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA 1, S. 633.