ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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2.

Fortsetzung des Fragments aus dem 4ten Theil von Anton Reisers Lebensgeschichte. a

Moritz, Karl Philipp

Diese Anrede wirkte so mächtig auf Reisers Phantasie, daß auf einmal das Karthäuserkloster mit seinen hohen Mauern tief im Hintergrunde stand, und die Kulissen mit den Lichtern sich plötzlich wieder vordrängten; da nun O... überdem noch hinzufügte, daß man damit umgehe, in dem Stücke, das man aufzuführen Willens sey, Reisern eine Rolle anzutragen; so war vollends jeder ernste und melancholische Gedanke wie verschwunden.

Das Stück nehmlich, was die Studenten in Erfurt aufführen wollten, hieß Medon oder die Rache des Weisen, und man könnte davon sagen, daß es die ganze Moral in sich enthielte, so erstaunlich viel Tugend wurde von allen Personen darin gepredigt.

In diesem Stücke nun sollte Reiser die Rolle der Klelie, der Geliebten des Medon, übernehmen, weil sich an seinem Kinne noch die wenigste Spur von einem Barte zeigte, und weil auch seine Länge als Frauenzimmer eben nicht auffiel, da der, welcher den Medon spielte, von einer fast riesenmäßigen Größe war.

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Ohngeachtet der auffallenden Sonderbarkeit dieser Rolle, konnte Reiser dennoch seinem Hange, das Theater auf irgend eine Weise zu betreten, nicht widerstehen, um so weniger, da sich ihm die Gelegenheit dazu so ganz ungesucht und von selbst darbot.

Die Vorbereitungen zu der Komödie wurden nun gemacht; Reiser lernte die Rolle der Klelie auswendig, und nun wurden häufige Proben gehalten, wodurch Reiser mit dem größten Theile der Studenten in Erfurt bekannt wurde, die sich alle gegen ihn ganz höflich betrugen, und alle eine vortheilhafte Meinung von ihm hegten, wodurch er sich in eine Welt versetzt fand, die von derjenigen ganz verschieden war, worin er von Kindheit auf gelebt hatte.

Zwischen diesen Komödienproben versäumte nun Reiser nicht, des Doktor Frorieps Predigerkollegium fleißig zu besuchen. Dieses bestand aus einer Anzahl Studenten, die sich in der Kaufmannskirche, in Gegenwart des Doktor Froriep und der übrigen Studenten, bei verschlossenen Thüren, im Predigen übten.

Hier wünschte nun Reiser ebenfalls auftreten zu können, um seine Deklamation hier hören zu lassen, und es war ihm immer eine der reizendsten Aussichten, wenn der Doktor Froriep ihm einmal verstatten würde, hier die Kanzel zu besteigen. Auch hatte er sich schon ein Thema ausgedacht, worin er die Schönheiten der Natur, den Wechsel der Jah-[9]reszeiten mit poetischen Farben schildern, und mit den glänzenden und schimmernden Aussichten in die Ewigkeit auf eine pathetische Weise seine Predigt beschließen wollte. Allein es kamen immer Hindernisse dazwischen, daß ihm dieser Wunsch in Erfurt nicht gewährt wurde.

So wie man nun an allem zweifelt, was man heftig wünscht, so zweifelte er auch immer, ob die wirkliche Aufführung der Komödie zu Stande kommen, und er seine Rolle darin behalten würde. Dieser Wunsch wurde ihm dann gewährt. Er wurde mit aller Sorgfalt als Klelie geschmückt. Die Lichter wurden angezündet, der Vorhang rauschte empor, und er stand nun da vor einem zahlreichen Auditorium, und spielte ganz unbefangen seine lange Rolle durch, ohne daß ihm ein einzigesmal das Unnatürliche davon eingefallen wäre, so sehr war er in dem Gedanken vertieft, daß er in einer theatralischen Darstellung nun wirklich mit begriffen, und daß seine Mitwirkung in jedem Augenblick dazu nothwendig war. —

Dies Vertiefen in seinen Gegenstand machte, daß er sich selbst vergaß, und daß auch die Zuschauer das Unnatürliche der Rolle weniger bemerkten, und er über sein Spiel sogar noch Beifall erhielt. Da er also nun den Schauplatz betreten hatte, und doch dabei Student blieb, so machte ihm dies doppeltes Vergnügen, und er fühlte sich in der Wiedererinnerung an diesen Abend ein Paar Tage über so [10]glücklich, daß ihm alles das, was ihm in den wenigen Wochen, die er nun in Erfurt zugebracht hatte, schon begegnet war, halb wie im Traume vorkam.

Er rückte nun auch in die Wochenschrift der Bürger und der Bauer von Zeit zu Zeit Gedichte ein, wodurch sein Name als Schriftsteller unter den Erfurtischen Bürgern bekannt wurde. Dabey besorgte er Korrekturen für den Buchdrucker G...., und wurde durch diesen mit einem gewissen Doktor Sauer bekannt, den, bey den größten Vorzügen des Geistes und Herzens bis an seinen Tod, ein widriges Schicksal verfolgte, weil er durch den langwierigen ununterbrochenen Druck der Umstände verlernt hatte, seinen Werth geltend zu machen, und gerade die Kraft, wodurch er in der Welt festen Fuß fassen, und seinen Platz behaupten mußte, bey ihm gelähmt war.

Dieser Doktor Sauer hatte für den Buchdrucker G.... eine Wochenschrift geschrieben, unter dem Titel: Medon, oder die drey Freunde, wovon ein Jahrgang herausgekommen war. Man sahe auch hieran, wie er mit dem Druck der Umstände hatte kämpfen müssen; wie schwer es ihm mußte geworden seyn, eine Anzahl trivialer Aufsätze niederzuschreiben, wobey noch immer die Funken des unterdrückten Genies hervorsprühten.

So aber mußte er schreiben, und wöchentlich seinen Bogen liefern, um wiederum ein Jahrlang von seinem mühseeligen Leben zu athmen. Da nun die [11]Wochenschrift aufhörte, so war er genöthigt, wieder von Korrekturen sein Daseyn zu erhalten. Und da er selber dramatische Ausarbeitungen von vielem Werth in seinem Pulte liegen hatte, die er nicht wagte zum Vorschein zu bringen, mußte er für einen vornehmen Herrn in Erfurt, mit aller Sorgfalt und Korrektheit eines Kopisten, ein Trauerspiel für Geld abschreiben, um mit dem Abschreiberlohne wiederum einige Tage lang sein Leben zu fristen.

Als Arzt verdiente er nichts; denn er fühlte einen besondern Hang in sich, gerade den Leuten zu helfen, die der Hülfe am meisten bedürfen, und denen sie am wenigsten geleistet wird. Und weil dies nun gerade diejenigen sind, welche die Hülfe nicht zu bezahlen vermögen, so gerieth der Arzt selber in große Gefahr zu verhungern, wenn er nicht Wochenschriften herausgegeben, Korrekturen besorgt, und Trauerspiele abgeschrieben hätte.

Kurz, er ließ sich für seine Kuren nichts bezahlen, und brachte auch dazu den armen Leuten die Arzenei ins Haus, die er selbst verfertigte, und das wenige was ihm übrig oder nicht übrig blieb noch darauf verwandte. Weil er sich nun dadurch gleichsam weggeworfen hatte, so hatten die Leute aus der großen und vornehmen Welt kein Zutrauen zu ihm; niemand zog ihn zu Rathe, und unter den meisten war sogar sein Name nicht einmal bekannt, [12]ob er sich gleich als Arzt schon keine geringe Erfahrung und Geschicklichkeit erworben hatte.

Er hatte auch in diesem Fache schon einige vortreffliche Ausarbeitungen geliefert, die aber das Unglück hatten sich unter der Menge zu verlieren, und, eben so wie ihr Verfasser, von den Zeitgenossen nicht bemerkt zu werden. Und während, daß er nun seine übrigen medizinischen Ausarbeitungen in seinem Pulte verschlossen hielt, mußte er die Schrift eines Französischen Arztes, der nach Erfurt kam, und besser als der Doktor Sauer sich wußte bemerken zu machen, ins Lateinische übersetzen, um von dem Uebersetzerlohne zu leben, und für seine hülflosen und armen Kranken neue Arzeneimittel zuzubereiten.

Der müßte ganz abgestumpft seyn, der diese Unwürdigkeiten und Demüthigungen vom Schicksal nicht fühlen sollte. Der Doktor Sauer machte eine lächelnde Miene dazu, allein im Innersten seiner Seele untergrub doch jede dieser Demüthigungen und Herabwürdigungen seine Thatkraft, und lähmte seinen Muth. Wie konnte er seinem innern Werthe noch trauen, da die ganze Welt ihn verkannte.

Wegen der Konnexion mit dem Buchdrucker G...., für welchen er die Korrekturen besorgte, gab er nun auch zuweilen Aufsätze in die berühmte Erfurtische Wochenschrift der Bürger und der Bauer; und da laß Reiser einmal ein Gedicht von [13]ihm, auf die freigewordenen Amerikaner, welches wohl verdient hätte, in einer Sammlung von den vorzüglichsten Poesien der Deutschen zu stehen, und nun in einem Blatte sich verlohr, das in den Bierhäusern von Erfurt feil geboten wurde.

Es war als ob in diesem Gedichte sein unterdrückter Geist alle sein Freiheitsgefühl noch einmal ausgehaucht hätte, ein solcher Schwung und feurige Theilnehmung herrschten in den Gedanken.

Ganz entzückt durch dies Gedicht konnte Reiser nicht ruhen, bis er die Bekanntschaft eines so vorzüglichen Mitarbeiters an der Wochenschrift der Bürger und der Bauer gemacht hatte. Es hielt aber schwer, bis er diesen Wunsch erreichte, weil der Doktor Sauer eben keinen großen Hang in sich fühlen konnte, sich noch ferner an irgend einen aus der Klasse von Wesen anzuschließen, die ihn gleichsam ausgestoßen .

Indeß fand sich doch ein Weg dazu, weil Reiser sein Studium der englischen Sprache auch in Erfurt fortgesetzt hatte, daß er sich erbot den Doktor Sauer Englisch zu lehren, da dieser schon einigemal den Wunsch geäußert hatte, mit dieser Sprache bekannt zu seyn. Dies Anerbieten wurde denn angenommen, und so erhielt Reiser Gelegenheit wöchentlich wenigstens ein paarmal mit diesem Manne zusammen zu kommen, an den er sich nun so nahe wie möglich anzuschließen wünschte.

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Bei dieser Gelegenheit wurde er nun immer offner gegen Reisern, und erzählte ihm von den mannigfaltigen Unterdrückungen, denen er von seiner Kindheit, von seinen Anverwandten und von seinen Lehrern ausgesetzt war, und nachher alle die Streiche des Schicksals nach einander, die ihn bis in den Staub darniedergebeugt hatten; so daß Reiser im auffahrenden Unwillen sich nicht enthalten konnte, die Verkettung hämisch zu nennen, worin ein denkendes und empfindendes Wesen gleichsam absichtlich so eingeengt und gequält wird.

Während daß nun Reiser auf diese Art seinen Unwillen äußerte, verzog sich Sauers Mund zu einem sanften Lächeln, wodurch er freylich über diesen Unwillen erhaben, aber auch zugleich von den irrdischen Banden schon gelöst war, und seiner baldigen vollkommenen Befreiung ahndungsvoll entgegen sahe. — Sein Kampf war beinahe durchgekämpft, er brauchte weiter keine widerstehende Kraft, keinen Trotz gegen das Schicksal. —

Demohngeachtet loderte die Lebensflamme noch manchmal wieder in ihm auf. Er hoffte zuweilen noch glückliche Tage zu sehen, und hatte einen großen Eifer zur Erlernung des Englischen, weil er sich von diesem seinem Studium viel versprach, um vorzüglich die in der englischen Sprache geschriebenen medizinischen Werke zu nutzen, und dann auch durch Uebersetzungen aus dem Englischen Geld zu erwerben.

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Dann bot sich ihm auch sogar eine kleine Aussicht zu einer Art von Versorgung in Erfurt dar — und dies war ihm nun schon eine sehr glückliche Wendung, die er besonders seinem Ausharren zuschrieb. Wer in Erfurt zu etwas kommen wollte, pflegte er nun oft zu Reisern zu sagen, der müsse nur lange Zeit ausharren, und die Geduld nicht verlieren! — so bescheiden und mäßig war er in seinen Wünschen, und so sehr war jeder Schimmer eines bessern Glücks ihm schon aufmunternd.

Er wußte nicht, daß alles äußere Glück ihm nichts mehr helfen konnte, weil der Quell des Glücks in ihm selber versiegt, und die Blume seines Lebens zerknickt war, so daß ihre Blätter nothwendig welken mußten.

Reiser fühlte sich von einer solchen Theilnehmung angezogen, als ob das Schicksal dieses Mannes sein eigenes, oder mit dem seinigen doch unzertrennlich verknüpft gewesen wäre. Es war ihm als müßte dieser Mann noch glücklich werden, wenn die Dinge in ihrem Gleise bleiben sollten.

Reisern trog aber diesmal, so wie nachher noch oft, seine Ahndung, und sein Glaube an eine Entschädigung für erlittenen Kummer, die nothwendig noch auf Erden statt finden müsse. — Sauer entschlummerte nach wenigen Jahren, ohne bessere Tage gesehen zu haben. — Da ihm von außen das Glück ein wenig anlächelte, waren seine innern Kräfte zerstört; und er blieb unbemerkt und unbe-[16]kannt bis an seinen Tod; so daß in der kleinen Gasse, wo er wohnte, seine nächsten Nachbarn, als man den Sarg hinaustrug, fragten: wer denn da begraben würde? Ein Grad des Nichtbemerktwerdens, der in einer so unbevölkerten Stadt, wie Erfurt, höchst auffallend ist.

Die wenigen Tage nun, welche Reiser mit dem Doktor Sauer in Erfurt verlebte, waren für ihn höchst wichtig, weil sie seiner Seele einen gewissen neuen Anstoß gaben: Er rafte sich gegen alle die Unterdrückungen zusammen, welche jenen Geist so sehr hatten lähmen können. Und der Unwille, den er darüber empfand, flößte ihm einen gewissen Trotz ein, auch dem Schwersten nicht zu unterliegen, und das gewissermaßen durch Widerstand zu rächen, was jener gelitten hatte.

Sie waren eines Tages nach einem Dorfe vor Erfurt zusammen spatzieren gegangen, und O.... war mit von der Gesellschaft. — Als sie gegen Abend zurückkehrten, kamen sie an ein Gewässer, das mit dickem Gebüsch umgeben war, und schwarz zwischen seinen Ufern hinkroch. Hier blieb Sauer stehen, und suchte mit dem Stocke die Tiefe zu messen, die er aber nicht abreichen konnte. Er blieb stehen, und sahe mit untergeschlagenen Armen in das Wasser, und bemerkte die schwarze Fläche, und wie langsam fließend es dahin kröche.

Das Bild, wie Sauer mit blassen Wangen, und untergeschlagenen Armen, bedeutungsvoll in [17]diesen Stygischen Fluß hinunter blickte, kam Reisern lebhaft wieder vor die Seele, als er einige Jahre nachher die Nachricht von seinem Tode vernahm. — Denn wenn irgend ein bedeutendes Bild sich formte, wo Zeichen und Sache eins wurden, so war es hier.

Für Reisern aber eröffneten sich wieder fröliche Aussichten : denn die Studenten kamen auf den Einfall noch eine Komödie aufzuführen, weil sie an diesem Vergnügen nun einmal Geschmack bekommen hatten.

Die Stücke, welche man wählte, waren der Argwöhnische und der Schatz, von Lessing: b in dem erstern erhielt Reiser wiederum zwei Frauenzimmerrollen, die er mit Umkleidung spielen mußte; und in dem Schatz die Rolle des Maskaril, und nun wurde sein Schauspielerkredit unter den Studenten schon so befestigt, daß man es als eine Gefälligkeit von ihm ansah, wenn er diese Rollen übernehmen wollte, und er sich also auf keine Weise dazu drängen durfte.

Während daß nun die Veranstaltungen zu dieser zweiten theatralischen Vorstellung gemacht wurden, fing Reiser zu gleicher Zeit eine Ausarbeitung über die Empfindsamkeit an, womit er zuerst als Schriftsteller auftreten wollte. In dieser Schrift sollte die affektirte Empfindsamkeit lächerlich gemacht, und die wahre Empfindsamkeit in ihr gehöriges Licht gestellt werden.

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Die seynsollende Satyre gegen die Empfindsamkeit gerieth nun freylich ziemlich grob, indem er sie mit einer Seuche verglich, vor der man sich zu hüten habe, und jedem, der aus einer Gegend käme, wo die Empfindsamkeit herrschte, den Eingang in Städte und Dörfer versperren müßte. — Dieser Unwille war vorzüglich durch die empfindsamen Reisen, die nach und nach in Deutschland erschienen, und durch die vielen affektirten Nachahmungen von Werthers Leiden, bei Reisern erweckt worden, ob er sich gleich selber auch heimlich dieser Sünde anklagen mußte; um desto heftiger suchte er nun auch zugleich zu seiner eigenen Besserung dagegen zu eifern.

Gerade, da er eines Abends an dieser Abhandlung schrieb, trat der Buchdrucker P... aus H.... in die Stube, und brachte ihm einen Brief von Philipp Reisern. Dies war eben der Buchdrucker für den er in H.... eine Anzahl kleiner Neujahrswünsche verfertigt, und sich zum erstenmal in denselben gedruckt gesehen hatte.

Als Reiser den Buchdrucker vor die Thür hinaus begleitete, drückte ihm dieser ein kleines Goldstück in die Hand, welches hinlänglich war, einen Menschen, der nun seit einigen Wochen schon ganz von Gelde entblößt war, und sich doch seinen Mangel nicht wollte merken lassen, auf einmal aus dem Staube zu heben.

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Dies unvermuthete Geschenk erhielt noch einen größern Werth durch die Art, womit es gegeben wurde, indem der Buchdrucker P... die Worte hinzufügte: es sey diese Kleinigkeit eine alte Schuld, die er abtrüge, weil nehmlich Reiser Neujahrwünsche, Gedichte u.s.w. bloß der Ehre wegen in H.... für ihn verfertigt hatte.

In Reisers Umständen hatte ein Goldgulden, woraus dies Geschenk bestand, für ihn einen unschätzbaren Werth, und riß ihn auf einmal aus einer Menge kleiner Verlegenheiten, die er keinem Menschen hatte sagen dürfen. Dies machte daß er nun in Erfurt wirklich einige glückliche Tage verlebte, wo er eben durch nichts weder von innen noch außen gedrückt wurde; und auch in die Zukunft keine trübe Aussichten hatte.

Der Brief von Philipp Reisern war auch interessanter als der vorhergehende; denn er enthielt die Nachricht, daß verschiedene von Reisers Mitschülern, welche mit ihm zugleich in H.... Komödie gespielt hatten, seinem Beispiele gefolgt, und auch zum Theil heimlich fortgegangen waren, um sich dem Theater zu widmen.

Darunter war vorzüglich I..., der im Klavigo den Beaumarchais gespielt hatte; der Sohn des Kantor W...; der Präfektus aus dem Chore, Namens O..., und ein gewisser T..., eines Predigers [20]Sohn, mit dem Reiser vor seinem Abschiede noch einige romantische Spatziergänge bey H.... gemacht hatte. Nun fand Reiser eine sonderbare Art von Stolz darin, daß er doch von allen diesen nachgeahmt war, daß er zuerst den Muth gehabt hatte, einen solchen Schritt zu thun.

Dann schrieb ihm Reiser ferner in seiner überspannten Schreibart, daß der Dichter Hölty in H... c gestorben sey, und schloß am Ende mit den Worten: freue dich Dichter! weine Mensch! — Von dem Fortgange seines Liebesromans enthielt dieser Brief nur wenig.

Während daß nun die Veranstaltung zu der zweiten Komödie gemacht wurde, welche die Studenten in Erfurt aufführen wollten, fand Reiser einen neuen Freund in Erfurt, einen Studenten Namens N..., aus Hamburg gebürtig, der bei dem Doktor Froriep im Hause wohnte, welcher ihm eine Abschrift von Reisers Gedichte: das Karthäuserkloster gezeigt, und dadurch dem Verfasser auf einmal einen neuen Freund verschaft hatte.

Dies wurde nun eine Freundschaft gerade von der empfindsamen Art, wogegen Reiser eine Abhandlung zu schreiben im Begriff war.

Der junge N... hatte wirklich ein gefühlvolles Herz, er ließ sich aber auch durch den Strom hinreißen, und spielte bei jeder Gelegenheit den Empfindsamen, ohne es selbst zu wissen; denn er ei-[21]ferte sehr oft mit Reisern gegen das Lächerliche einer affektirten Empfindsamkeit — weil er aber nicht bloß vor andern empfindsam zu scheinen, sondern es für sich selber wirklich zu seyn suchte, so deuchte ihm das keine Affektation mehr, sondern er trieb dies nun als eine ganz ernsthafte Sache, die keinen Spott auf sich leidet, und zog Reisern allmälig mit in diesen Wirbel hinüber, der die Seele so lange hinauf schraubt, bis sie in den abgeschmacktesten Zustand geräth, den man sich denken kann.

Reisern war es schon aufmunternd, daß, ohngeachtet seiner dürftigen Umstände, sich jemand an ihn schloß, dem es nicht an äußern Glücksgütern fehlte. — Nach und nach aber bildete sich bei ihm eine ordentliche Liebe und Anhänglichkeit an den jungen N..., welche durch dessen wahre Freundschaft für Reisern immer vermehrt wurde, so daß sie sich immer mehr, auch in ihren Thorheiten, einander näherten, und von ihrer Melancholie und Empfindsamkeit sich wechselsweise einander mittheilten.

Dies geschahe nun vorzüglich auf ihren einsamen Spatziergängen, wo sie nur gar zu oft zwischen sich und der Natur eine Scene veranstalteten, indem sie etwa bey Sonnenuntergang die Jünger von Emmaus aus dem Klopstock d lasen, oder an einem trüben Tage Zacharias Schöpfung der Hölle, e u.s.w.

[22]

Vorzüglich lagerten sie sich oft am Abhange des Steigerwaldes, von welchem man die Stadt Erfurt mit ihren alten Thürmen, und ihrem ganzen Umfange von Gärten, kann liegen sehen. Hier hinauf gehen die Einwohner von Erfurt häufig spatzieren, machen sich auch wohl oben selbst ein kleines Feuer an, und kochen sich den Kaffe, um die patriarchalischen Ideen wieder zu erneuern.

Hier saßen nun auch N... und Reiser oft Stunden lang, und lasen sich aus irgend einem Dichter wechselsweise vor; welches die meiste Zeit eine wahre Mühe und Arbeit, und ein peinlicher Zustand für sie war, den sie sich aber einander nicht gestanden, um nur am Ende die Idee mit sich zu nehmen: »wir haben am Steigerwalde freundschaftlich beieinander gesessen, haben von da in das anmuthsvolle Thal hinuntergeblickt, und dabei unsern Geist mit einem schönen Werke der Dichtkunst genährt.«

Wenn man erwägt, wie viele kleine Umstände sich vereinigen mußten, um das Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen, so kann man sich denken mit wie vielen kleinen Unannehmlichkeiten N... und Reiser bei diesen empfindsamen Scenen kämpfen mußten: wie oft der Boden feucht war, die Ameisen an die Beine krochen, der Wind das Blatt umschlug, u.s.w.

N... fand nun einen vorzüglichen Gefallen daran, Klopstocks Messiade f Reisern ganz vorzulesen; [23]bei der entsetzlichsten Langenweile nun, die diese Lektüre beiden verursachte, und die sie sich doch einander, und jeder sich selber kaum zu gestehen wagten, hatte N... doch noch den Vortheil des lauten Lesens, womit ihm die Zeit verging: Reiser aber war verdammt zu hören, und über das Gehörte entzückt zu seyn, welches ihm mit die traurigsten Stunden in seinem Leben gemacht hat, deren er sich zu erinnern weiß; und welche ihn am meisten zurückschrecken würden, seinen Lebenslauf noch einmal von vorn wieder durchzugehen. Denn keine grössere Quaal kann es wohl geben, als eine gänzliche Leerheit der Seele, welche vergebens strebt sich aus diesem Zustande heraus zu arbeiten, und unschuldigerweise sich selber in jedem Augenblicke die Schuld beimißt, und sich selber ihres Stumpfsinns anklagt, daß sie von den erhabnen Tönen, die unaufhörlich in ihre Ohren klingen, nicht gerührt und erschüttert wird.

Ob nun gleich N... und Reiser fast unzertrennlich beisammen waren, so sehnte sich der letztere doch wieder nach einsamen Spatziergängen, die ihm immer das meiste Vergnügen gewährt hatten; allein dies hatte er sich nun auch verleidet; denn gemeiniglich versprach er sich von einem solchen Spatziergange zu viel, und kehrte verdrüßlich wieder zu Hause, wenn er nicht gefunden hatte, was er suchte; sobald das Dort nun Hier wurde, hatte [24]es auch alle seine Reize verlohren, und der Quell der Freuden war versiegt.

Der Verdruß, der denn in die Stelle der gereitzten Hoffnung trat, war von einer so groben, gemeinen und widrigen Art, daß auch nicht der mindeste Grad von einer sanften Melancholie oder etwas dergleichen damit bestehen konnte. Es war ohngefähr die Empfindung eines Menschen, der ganz vom Regen durchnetzt ist, und indem er vor Frost schaudernd zu Hause kehrt, auch noch eine kalte Stube findet.

Ein solches Leben führte Reiser, und schrieb dabei immer an seiner Abhandlung gegen die falsche Empfindsamkeit fort, wobey er denn bei seinen einsamen Spatziergängen einmal eine sonderbare Aeusserung von Empfindsamkeit bei einem gemeinen Menschen bemerkte, bei dem er dieselbe am wenigsten erwartet hätte.

Er ging nehmlich zwischen den Gärten von Erfurt spatzieren, und da es gerade in der Pflaumenzeit war, so konnte er sich nicht enthalten, von einem überhangenden Aste, eine schöne reife Pflaume abzupflücken, welches der Eigenthümer des Gartens bemerkte, der ihn sehr unsanft mit den Worten anfuhr, ob er wohl wisse, daß diese Pflaume, die er da abgepflückt hätte, ihm einen Dukaten kosten würde.

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Reiser suchte abzudingen, mußte aber zugleich gestehen, daß er keinen Heller Geld bei sich habe. Um nun aber den Eigenthümer des Gartens wegen der geraubten Pflaume einigermaßen zu befriedigen, mußte er ihm sein einziges gutes Schnupftuch aus der Tasche geben, dessen Verlust ihm sehr Leid that.

Als er traurig wegging, sah er, nachdem er nur einige Schritte gethan hatte, ein schönes Einlegemesser vor sich auf der Erde liegen; er hob es geschwind auf, und rief den Gärtner wieder zurück, dem er einen Tausch antrug, ob er nicht für das gefundene Messer ihm sein Schnupftuch zurück geben wolle?

Wie erstaunte Reiser, als nun der Gärtner, welcher vorher so grob gegen ihn gewesen war, ihm auf einmal um den Hals fiel und küßte, und sich seine Freundschaft ausbat; weil Reiser nothwendig ein Günstling der Vorsehung seyn müßte, da sie ihn grade das Messer habe finden lassen, welches niemand anders als der Gärtner selbst verlohren hatte; der nun Reisern sein Schnupftuch mit Freuden wiedergab, und ihm zugleich versicherte, daß sein Garten ihm zu jeder Zeit offen stünde, um so viel Pflaumen, wie er wollte, zu pflücken; und daß er ihm in jeder Sache dienen würde, wo er nur könnte; denn ein so außerordentlicher Fall sey ihm noch nicht vorgekommen.

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Als Reiser im Weggehen über diesen sonderbaren Zufall nachdachte, fiel er ihm um so mehr auf, weil dies das erstemal in seinem Leben war, daß ihm ein eigentlich glückliches Ereigniß begegnete, wobei mehrere Umstände sich vereinigen mußten, die sich sonst selten zu vereinigen pflegen.

Sein Glück schien sich in dieser Kleinigkeit gleichsam erschöpft zu haben, um ihn im Großen wieder destomehr büßen zu lassen, was er auf keine andere Weise als durch sein Daseyn verschuldet hatte.

Es war, wie bey dem Landprediger von Wakefield, der einen ganz ungewöhnlich glücklichen Wurf mit den Würfeln that, indem er mit seinem Freunde um wenige Pfennige spielte, kurz vorher ehe er die Nachricht von dem Banquerot des Kaufmanns erhielt, durch welchen er sein ganzes Vermögen verlohr. g

Noch eine kleine Weile hielt das Schicksal die Demüthigung zurück, welche es Reisern zugedacht hatte, und ließ ihn noch ungestört in seinem Vergnügen, das ihm nun die zweite Komödienaufführung gewährte, und worin ihm drei Rollen zu Theil geworden waren.

Sein sehnlichster Wunsch war doch also nun einigermaßen erfüllt, ob er gleich in keiner tragischen Rolle hatte glänzen können. Und was noch mehr [27]war, so hatte man eine Art von Zutrauen zu seinen theatralischen Einsichten, man fragte ihn um Rath, und er wurde nun durch seine Theilnehmung an der Komödie sowohl, als durch seine geschriebenen Gedichte unter den Studenten noch mehr bekannt, die ihn mit Höflichkeit begegneten, welches ihm für seine Lage auf der Schule in H.... ein angenehmer Ersatz war.

Dabei besuchte er nun fleißig die Universitätsbibliothek, wo er einen besondern Gefallen daran fand, des du Halde Beschreibung von China h zu studiren, und sehr viel Zeit damit verschwendete.

Gerade damals erschien auch: Siegwart, eine Klostergeschichte, i und er las mit seinem Freunde N... das Buch zu mehrernmalen durch, und beide thaten sich bei der entsetzlichsten Langenweile einen gewissen Zwang an, in der einmal angefangenen Rührung alle drei Bände hindurch zu bleiben.

Am Ende hatte Reiser nichts weniger im Sinn, als die ganze Geschichte in ein historisches Trauerspiel zu bringen, wozu er wirklich allerlei Entwürfe machte, und die schöne Zeit damit verschwendete.

Wenn es ihm denn nicht wie er wünschte gerathen wollte, so hatte er nach jeder vergebenen Anstrengung dieser Art, die trübseeligsten und widrigsten Stunden, die man sich nur denken kann. [28]Die ganze Natur und alle seine eigenen Gedanken hatten dann ihren Reiz für ihn verlohren, jeder Moment war ihm drückend, und das Leben war ihm im eigentlichen Verstande eine Quaal.

Die Leiden der Poesie.

Können daher wohl in jedem Betracht eine eigene Rubrik in Reisers Lebensgeschichte ausmachen, welche seinen innern und äußern Zustand in allen Verhältnissen darstellen soll, und wodurch dasjenige gerügt werden soll, was bei so vielen Menschen ihr ganzes Leben hindurch, ihnen selbst unbewußt, und im Dunkeln verborgen bleibt, weil sie Scheu tragen, bis auf den Grund und die Quelle ihrer unangenehmen Empfindungen zurückzugehen.

Diese geheimen Leiden waren es, womit Reiser beinahe von seiner Kindheit an zu kämpfen hatte.

Wenn ihn der Reiz der Dichtkunst unwillkührlich anwandelte, so entstand zuerst eine wehmüthige Empfindung in seiner Seele; er dachte sich ein Etwas, worin er sich selbst verlohr, wogegen alles, was er je gehört, gelesen oder gedacht hatte, sich verlohr, und dessen Daseyn, wenn es nun wirklich von ihm dargestalt wäre, ein bisher noch ungefühltes, unnennbares Vergnügen verursachen würde.

[29]

Nun war aber noch nicht ausgemacht, ob dies ein Trauerspiel, oder eine Romanze, oder ein Elegisches Gedicht werden sollte; genug es mußte etwas seyn, das wirklich eine solche Empfindung erweckte, wovon der Dichter gewissermaßen schon ein Vorgefühl gehabt hatte.

In den Momenten dieses seeligen Vorgefühls konnte die Zunge nur stammelnde einzelne Laute hervorbringen, etwa wie die in einigen Klopstockschen Oden, zwischen denen die Lücken des Ausdrucks mit Punkten ausgefüllt sind.

Diese einzelnen Laute aber bezeichneten dann immer etwas Allgemeines von Groß, Erhaben, Wonnethränen, und dergleichen. — Dies dauerte denn so lange, bis die übervolle Empfindung in sich selbst wieder zurücksank, ohne auch ein paar vernünftige Zeilen, zum Anfange von etwas Bestimmtem, ausgeboren zu haben.

Nun war also während dieser Krisis nichts Schönes entstanden, woran sich die Seele nachher hätte festhalten können, und alles andre, was wirklich schon da war, wurde nun keines Blicks mehr gewürdigt. Es war als ob die Seele eine dunkle ahndende Vorstellung von etwas gehabt hätte, was sie selbst nicht sagen konnte, und wodurch ihr eigenes Daseyn ihr verächtlich wurde.

Es ist wohl ein untrügliches Zeichen, daß einer keinen Beruf zum Dichten habe, den bloß eine [30] Empfindung im Allgemeinen zum Dichten veranlaßt, und bei dem nicht die schon bestimmte Sache, die er dichten will, noch eher als diese Empfindung, oder wenigstens zugleich mit der Empfindung da ist. Kurz, wer nicht während der Empfindung zugleich einen Blick in das ganze Detail der Sache werfen kann, der hat nur Empfindung aber kein Dichtungsvermögen.

Und gewiß ist nichts gefährlicher, als einem solchen täuschenden Hange sich zu überlassen, die warnende Stimme kann nicht früh genug dem Zöglinge zurufen, sein Innerstes zu prüfen, ob nicht der Wunsch bei ihm an die Stelle der Kraft tritt, und weil er diese Stelle nie ausfüllen kann, ein ewiges Unbehagen die Strafe verbotenen Genusses bleibt.

Dies war der Fall bei Reisern, der die besten Stunden seines Lebens durch mißlungene Versuche tödtete, durch unnützes Streben nach einem täuschenden Blendwerk, das immer vor seiner Seele schwebte, und wenn er es nun zu umfassen glaubte, plötzlich in Rauch und Nebel verschwand.

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA 1, S. 390-405 (Ausschnitte) u. 1048-1062.

b: Vgl. KMA 1, S. 1054f.

c: Hannover.

d: Der Messias (1748-1773), Vierzehnter Gesang, Vers 552-782. Vgl. KMA 1, S. 1056f. u. 1058.

e: Zachariäs 1760, S. 27. Vgl. KMA 1, S. 1057f.

f: Vgl. ebenda.

g: Oliver Goldsmiths The Vicar of Wakefield (1766), vgl. KMA 1, S. 1059f.

h: Du Haldes Description [...] de la Chine (4 Bde., 1735) wurde 1747-1749 in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Vgl. KMA 1, S. 1060.

i: Roman von Johann Martin Miller (Miller 1776.) Vgl. KMA 1, S. 1060f. u. 979.