ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Erinnerungen aus den Jahren der Kindheit, von K. St. a

K. St.

1) Als seine Eltern noch zu H.... wohnten, sah er einsmals einen Laufer vor einer Kutsche vorauf laufen. Seine Mutter machte ihn noch besonders darauf aufmerksam, indem sie sagte: sieh einmal, welch ein schöner Laufer ist das! —

Diese Worte und der schöne Anzug des Laufers machten einen solchen Eindruck bei ihm, daß er sich auf der Stelle entschloß, auch ein Laufer zu werden, und da ihn seine Mutter aus Scherz fragte, ob er auch ein Laufer werden wollte gleich ja sagte, und da sie hierauf sagte: ja — so mußt du viel laufen, damit du das Laufen lernst, gleich anfing zu laufen, und jede Gelegenheit, die er finden konnte auf die Hausflur zu kommen, sogleich dazu anwandte, daß er sich im Laufen übte.

Bei solchen Uebungen wurde er auch nicht leicht müde, ob er gleich immer so stark lief wie er nur laufen konnte, und sie konnten wohl eine Stunde [108]anhalten. Er war damals ohngefähr vier Jahr alt, und blieb bei dem Vorsatze, ein Laufer zu werden, bis in sein siebentes Jahr.

2) In seinem siebenten Jahre zogen seine Eltern auf das Land nach einem Orte Namens W.... — Hier wohnten sie in einem Hause, wo jedesmal der Kuhhirte vorbei kam, wenn er seine Trift Kühe aus oder eintrieb. Dies sah nun der kleine K.... sehr oft, es war Sommer, meistens schönes Wetter, und seine Mutter redete immer viel vom schönen Hirtenleben, daß es draußen so schön wäre, daß ihm das Mittagsessen heraus gebracht würde, daß das im Freien so gut schmekte, daß er dann aus einer frischen Quelle einmal dazu tränke, und sich darauf unter einem grünen Busche niederlegte und schliefe, während daß seine Kühe weideten. K.... horchte begierig zu, wenn seine Mutter diese Beschreibung machte, und weg war der Laufer aus seiner Vorstellung sammt dem schönen Habit und dem Lauferstabe; er wollte nun nicht mehr ein Laufer sondern ein Kuhhirt werden.

Da er dies seinen Eltern sagte, und diese ihm antworteten es gienge nicht, weil ja noch ein Kuhhirt da sey, so frug er nun alle Tage ob der Kuhhirt noch nicht bald sterben würde; denn nach dessen Tode dachte er würde es ihm nicht fehl schlagen, wieder Kuhhirt zu werden.

[109]

Er hatte aber eine solche Idee vom Kuhhirtenleben, daß er, wenn man ihn fragte, ob er denn auch wohl wüßte wenn er die Kühe aus und nachher wieder eintreiben müsse, zur Antwort gab, er würde sich dann eine Uhr anschaffen; und wenn man ihn frug, was er alsdann aber machen wolle, wenn es schlecht Wetter wäre, so gab er zur Antwort, er wolle sich einen Knecht halten, und den dann heraus schicken. Dieser Vorsatz dauerte aber nur den einen Sommer über; denn mit dem Anfange der Winterschule mußte er nebst seinem jüngern Bruder auch anfangen in die Schule zu gehen, und da änderte sich dann sein Vorsatz wieder.

3) Weil er leicht lernen konnte, so war dies gleich ein Grund für ihn, hieraus seine Hauptsache dermaleinst zu machen, und daher ein Schulmeister zu werden. Es war aber noch ein andrer Bewegungsgrund, weswegen er Schulmeister werden wollte, nehmlich der: Weil er von seinen Mitschülern unaufhörlich gezerrt und geärgert wurde, und sich, weil er zu schwach war, nicht dagegen wehren konnte, so wünschte er, dermaleinst sich auf eine andere Art an ihnen rächen zu können, und hierzu sahe er nun kein besser Mittel, als wenn er dermaleinst Schulmeister würde. Denn er dachte sich den Schulmeister nicht anders als an diesem Orte, in dieser Schule, unter die-[110]sen Kindern, und freuete sich bei dieser Vorstellung schon im Voraus darauf, wie er seine Beleidiger alsdann, nach dem Beispiele seines Schulmeisters, recht züchtigen wollte. Diese Idee, ein Schulmeister zu werden, verdrängte also die Idee, ein Kuhhirte zu werden, und daß um so eher und stärker, da sie sowohl bei seinen Eltern, als auch bei seinem Lehrer den größten Beifall erhielt. —

Hierzu wurde nun aber auch erfordert, Singen zu lernen. Sobald er nun in der Schule so weit gekommen war, daß er mit im Gesangbuche las, wurden zu Hause auch hierin Uebungen von ihm vorgenommen; da er sich denn besonders die Gesänge von der Beschreibung des Himmels und der dortigen Herrlichkeiten aufsuchte, und sie auf seine eigene Weise, nach seiner jedesmaligen Empfindung, jedoch immer mehr wegen des Beispiels seines Lehrers mit tiefen als hohen Tönen durchsang. Dies war eine angenehme Sache für ihn; denn in der Ideenverbindung, in welcher hier oftmals der Name Christus vorkam, dachte er sich Christum immer als den ihm von seiner Mutter unter dem Namen Heiliger Christ so sehr gerühmten Weihnachtsmann, mit den von denselben herrührenden herrlichen Weihnachtsgaben; und bei dem Worte Himmel schwebte ihm immer wieder die Erleuchtung auf dem P. Brunnen [111]vor, so daß diese beiden Dinge in seiner Idee eine unaussprechlich schöne Vorstellung machten.

4) Während dieser Singeübungen kam ihm nun auch die Lust an Schreiben zu lernen, womit denn im folgenden Winter, da er schon in sein neuntes Jahr getreten war, der Anfang gemacht wurde.

Er dachte aber hierbei gleich Ehre einzulegen, indem er gar nicht begreifen konnte, wie es möglich sey, daß man nicht gleich so schreiben könne, wie es einem vorgeschrieben, da er weiter nichts dazu erforderlich glaubte, als daß man das Vorgeschriebene recht genau ansähe, und es dann eben so nachmachte.

Diese Idee hatte sich bei ihm so festgesetzt, daß er es für ein ganz Leichtes hielt, die erste Vorschrift gleich so nachzumachen, daß man nicht unterscheiden könne, welches sein und welches des Schulmeisters Geschriebenes sey. Um desto mehr schmerzte es ihn aber, da er sich in dieser Meinung betrogen fand; denn da er nun die erste Vorschrift hatte, welche in den Grundstrichen und ersten daraus herfließenden Buchstaben bestand, die der Schulmeister an der Seite niedergeschrieben hatte, und er sich nun, sobald er zu Hause kam, ganz unbefangen dabei setzte, um diese Zeichen alle so nachzumachen, wie sie vorgeschrieben waren, wollte [112]ihm zuerst der fein vorgeschriebene Aufstrich nicht gelingen, sondern dieser wurde ganz grob und ungerade; dies schlug seinen Muth gleich etwas darnieder, er hofte aber das Folgende besser machen zu können; da er aber zu der Grobheit und Größe seiner Buchstaben auch noch mit den Zeilen nicht gerade, sondern immer schräger herunter kam, so daß er am Ende für die Zeilen der letzten Buchstaben gar keinen Platz mehr behielt, und nun aufhören mußte, so fieng er, indem er sein Schreiben in eines fort betrachtete, und sich nun vorstellte, wie er anstatt Ehre einzulegen, nun mit dem größten Schimpfe bestehen würde, an, bitterlich zu weinen; denn er stellte sich nun als den ungeschicktesten Menschen vor, der niemals Schreiben lernen würde, und glaubte auch ganz gewiß, dies von seinem Schulmeister zu hören.

Das Weinen hatte aber wieder eine traurige Folge für ihn, denn in dieser großen Betrübniß seines Herzens und Gedanken an die Dinge die hierauf folgen würden, bemerkte er nicht gleich, daß seine Thränen auf das noch nasse Geschriebene fielen, und solches in einander laufen machten, bis daß, da er sich bei solchen tiefen Gedanken auf dem Kopfe kratzte, und sich fast die Haare ausreißen wollte, ihm die Mütze vom Kopfe auf das Geschriebene fiel, und solches fast ganz auslöschte, da er denn auch gewahr wurde, daß das Papier [113]ganz von seinen Thränen durchnäßt, und das Geschriebene fast ganz ineinander gelaufen war.

Da er nun aber auch Bestrafung fürchtete, so wollte er fast außer sich kommen, und nun, gehe es auch wie es wolle gar nicht wieder zur Schule gehen; bis dann seine Eltern dazu kamen, und ihn um die Ursach seines Weinens befrugen, denen er nun alles Vorgegangene mit Schluchzen erzählte, welche ihm aber, anstatt ihm Vorwürfe zu machen, sagten, daß er nicht klug gewesen sey, darüber zu weinen, denn kein Mensch könne das sogleich. Wie er sich denn doch aber noch immer vor Strafe in der Schule fürchtete, so versprach ihm sein Vater vorher zu dem Schulmeister hinzugehen, und ihn bei demselben zu entschuldigen; welches dann auch geschah, und er dann noch überdem, sowohl bei seinem Lehrer als bei seinen Eltern, wegen seiner großen mit Eifer verbundenen Lernbegierde Beifall erhielt, welcher ihn aber eben nicht sehr rührte, weil noch immer die Vorstellung bei ihm die Oberhand behielt, daß er das doch hätte können müssen, wenn er kein ungeschickter Mensch wäre, der niemals was Rechtes lernen würde.

Wie er aber nur erst die kleinen Buchstaben erlernt hatte, so machte er auch schon Gebrauch davon, indem er für sich selbst gleich Wörter daraus zusammensetzte, welches ihm dann auf folgende Art sehr wohl zu statten kam.

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Sein Vater sprach hochteutsch und seine Mutter plattdeutsch, und daher kam es denn auch wohl, daß er mit seinem Vater hochteutsch und mit seiner Mutter plattdeutsch sprach. Seinen Vater redete er aber auch mit er, und seine Mutter mit du an. Letzteres, nehmlich das du, sollte er sich nun schon seit einem Jahre abgewöhnen, und seine Mutter auch in der zweiten Person anreden, aus der Ursache, weil er schon zu groß dazu sey, und es sich nicht mehr für ihn schicke du zu seiner Mutter zu sagen. Dies war ihm nun aber gar nicht möglich, und er mußte deshalb viel leiden, weil er doch immer daran erinnert und damit gequält wurde.

Gerade aber jetzt war dies am schlimmsten, denn nun wurde ihm vorgehalten, daß er schon ein Knabe sey, der Schreiben lerne, und er deswegen höchst unverschämt gescholten. Aber auch gerade jetzt war es, da er ein Mittel fand sich das du zu seiner Mutter abzugewöhnen: denn nun sprach er mit seiner Mutter eine Zeitlang gar nicht, sondern schrieb alles was er ihr zu sagen hatte auf, da er sie dann in der zweiten Person anredete. Seinen Eltern gefiel dieser Einfall, und er gewöhnte sich das du in wenigen Wochen ab; denn da er nun so lange nicht mit seiner Mutter gesprochen, und sie immer schriftlich in der zweiten Person angeredet hatte, so war es ihm ein Leichtes, auf einmal [115]statt du zu ihr zu sagen, sie in der zweiten Person anzureden.

Seine Mutter hatte noch zwei Schwestern an andern Orten wohnen, an welche sie zuweilen schrieb. Da sie doch aber nicht gut mit dem Schreiben fertig werden konnte, so wählte sie ihn bald zu ihrem Sekretär, da sie ihm dann diktirte und er schrieb. Diese Briefe enthielten nun besonders die mehrste Zeit bittere betrübte und traurige Klagen über ihre unglückliche Ehe, wobei K...s Vater oftmals eben nicht in dem besten Lichte erschien. Weswegen diese Briefe dann auch in Abwesenheit desselben geschrieben, und K... wegen dieses Punkts ein unverbrüchliches Stillschweigen von seiner Mutter auferlegt wurde, welches er auch immer auf das Genaueste beobachtete. Er war nun so zu sagen der Vertraute ihres Herzens, gegen seinen Vater, demohngeachtet aber vermahnte sie ihn immer, seine Eltern in Ehren zu halten, vorzüglich mit den Worten des vierten Gebots, und: des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißet sie nieder; durch welche letztern Worte sie denn doch immer der Mutter einen kleinen Vorzug vor dem Vater geben zu wollen schien.

K... behielt unterdessen bei aller Vertraulichkeit der Mutter gegen ihn, immer eine gleiche Ehrfurcht gegen seine Eltern, weil sich sein Vater doch [116]immer auf eine gesittete Art betrug, und die von ihr vermeinte Verachtung seiner Ehegenossin doch immer gewiß nicht so grob war, daß sie K... hätte auffallen können, und wenn er ja einmal bei Gelegenheit ein wenig zu viel hatte trinken müssen, K... eben gar nicht böse darüber seyn konnte, weil er eben dann am aufgeräumtesten, und also für K... am angenehmsten war. Diese beiden Dinge waren es aber eigentlich, welche sie ihm in den Briefen an ihre Schwestern Schuld gab, und worüber K... doch auf alle Fälle gar leicht hätte eine zweideutige Meinung von seinen Eltern bekommen können, wenn ihn seine Mutter nicht dabei stets mit den oberwehnten Worten mit wichtiger und bedeutender Mine vermahnt hätte.

6) Er fieng aber nun nach gerade auch an für sich etwas zu schreiben. Das bestand denn vorzüglich in Briefen an seine Muhmen und an einen Bruder, der zu H... auf die Schule gieng. Aber die Begierde, alles gleich nachzumachen was ihm gefiel, äußerte sich auch jetzt wieder bei ihm; denn er bekam Hagedorns Gedichte zu lesen, welche ihm, ob er solche damals gleich noch, einige kleine ausgenommen, nicht verstehen konnte, ein unbeschreibliches Vergnügen machten; und nun wollte er nebst Schulmeister auch ein Poet werden. Er machte daher allerlei poetische Versuche, von welchen ein [117]gereimter Neujahrswunsch an seinen Bruder zum Ende gebracht wurde, welcher so lautete:

Liebster Bruder!

Ich wünsche Dir zum neuen Jahr
Viel Glück und Seegen immerdar,
Daß Dich der lieben Engel Schaar
Behüten mag für aller Gefahr.
Daß sie Dich mag auf's Frühjahr glücklich zu uns führen,
Daß wir denn können im Garten spatzieren.
Da sieht der grüne Buxbaum besser aus,
Als der mit Goldschaum im Haus.
Ich wünsche Dir viel Glück und Seegen
Auf allen Deinen Wegen,
Und daß der lieben Englein Schaar
Dich behüten möge immerdar.

Die Idee von den Engeln war ihm überhaupt immer das Angenehmste und Liebste, weil er sich immer kleine schöne Knaben darunter dachte, die fliegen könnten, und keinem etwas zu Leide thäten. Die Stelle mit dem Buxbaum aber rührte daher, weil er kurz vorher ein Weihnachtsgeschenk bekommen hatte, welches unter andern aus einem Strauß Buxbaum bestand, welcher einen Baum vorstellen sollte, und mit Goldschaum belegt war.

[118]

Sein Bruder antwortete ihm hierauf, und ermunterte ihn zu fernerer Fortsetzung solcher Uebungen, und er fieng auch unter andern ein Gedicht auf den herannahenden Sommer an, welches sich so anheben sollte:

Der Sommer nahet sich schon jetzt
Da uns viel Lust ergötzt,
Da uns viel Freud' erregt,
Da alles lebt und sich bewegt.

Er kam aber wieder davon, und brachte überhaupt ferner nichts zu Ende; denn es wollte ihm seine Zusammensetzung selbst nicht mehr gefallen, und es kam auch das Lateinlernen dazwischen.

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA 1, S. 771-774.