ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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9.

Rath der Mystik wider die Schwärmereien der Einbildungskraft. a

Moritz, Karl Philipp

Diesen Rath, welcher freilich sonderbar genug ist, enthält folgender Brief des Hrn. v. F... an einen seiner geistlichen Zöglinge, der ihm berichtet hatte, daß er eine Aenderung in seinem Innern erfahre, indem ihn eine Menge zerstreuender Gedanken beunruhigten. Er antwortet demselben darauf, daß auf die Tröstungen und Süßigkeiten jederzeit Trockenheiten und Zerstreuungen der Gedanken folgten, indem man über die flüchtige Einbildungskraft nicht Meister werden könne.

Dies findet überhaupt im menschlichen Leben statt, und der Verfasser des folgenden Briefes scheint nicht Unrecht zu haben, wenn er den Grund davon darin sucht, daß man über die flüchtige Einbildungskraft nicht Meister werden könne. Denn das Würkliche und dessen Verhältniß gegen uns kann immer noch dasselbe seyn und gleichwohl einen ganz verschiedenen Eindruck auf uns machen, je nachdem unsre Einbildungskraft der Vorstellung von dem gegenwärtigen Würklichen andere angenehmere oder unangenehmere Vorstellungen an die Seite setzt, und sie hiermit vergleicht.

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Je eingeschränkter nun aber die Einbildungskraft bei einem Menschen ist, je mehr hält er sich bloß an die Vorstellung von dem gegenwärtigen Würklichen, je reger sie aber bei ihm ist, je mehr und öfter geht er davon ab.

Da nun die Schwärmerei der Mystik einen höhern als gewöhnlichen Grad von reger Einbildungskraft voraussetzt, indem sie doch, obgleich sie alle Bilder verdrängt wissen will, ja ihr Wesen darin hat, so ist ganz natürlich, daß sie sich hier auch am meisten äußern muß.

In der Mystik wird aber etwas als würklich angenommen, welches doch nichts weniger als würklich ist, sondern nur bloß in der Einbildung besteht, und wovon die Einbildung nicht abgehen soll.

Da das in der Mystik als würklich angenommene, welches wie ein Mittelpunkt festgesetzt worden, nichts körperlich merkbares an sich hat, sondern nur in einer dunkeln Empfindung besteht, und also das zarteste ist, was man sich nur denken kann; so muß es einem Mystiker erstaunend schwer werden, gerade die schon gehabte dunkle Empfindung wieder bei sich zu erwecken, wenn er durch seine flüchtige Einbildungskraft sich einmal von diesen Mittelpunkte verloren.

Es ist nun kein andrer Weg und kein anderes Mittel für ihn, als daß er den Weg, durch den er von seinem Standpunkte abgegangen, wieder [80]zurückgehe, und sich daher wieder etwas einbilde, dadurch er denn endlich dahin gelanget, daß er sich fest einbildet, er habe die verlorne Empfindung nun wieder, und sey also wieder auf dem rechten Wege.

Um aber recht sicher zu gehen, vertrauet er sich einem Führer an, der der Gegend und des Weges kundig; und auf diese Art giebt es eine eigene ordentliche Verfahrungsart in der Mystik, welcher nachzuspähen keine unnütze Beschäftigung für die Psychologie zu seyn scheint, in so fern die verschiedenen Arten von Selbsttäuschung dabei in Betracht kommen.

Herr von F.... aber lehret seinen Zögling also:

den 8. December 1769.

Sie schreiben, daß Sie seit zwei oder drei Wochen eine Aenderung in Ihrem Innern erführen, und eine Menge zerstreuender Gedanken Sie beunruhigten.

Auf die Tröstungen und Süßigkeiten folgen jederzeit Trockenheiten und Zerstreuungen der Gedanken, indem man über die flüchtige Einbildungskraft nicht Meister werden kann. Diese Abwechselungen werden Sie noch lange Zeit erfahren. Hierbei ist absolut nöthig, daß Sie nicht müde werden, noch sich abhalten lassen, die zum innern Gebet bestimmte Zeiten dennoch in der Gegenwart Gottes auszuhalten und in der Stille zu bleiben, sich so viel möglich immer wieder zu sammlen, auch [81]wohl ein paar Blätter vor dieser Zeit in der M. G. Schriften zu lesen, der Friede wird schon wieder kommen. Dulden Sie diese Prüfung, wodurch Ihr innerer Grund stets mehr geläutert wird, und lassen sich ja nichts in der Welt abhalten, die zum innern Gebet bestimmte Zeiten in der Stille vor Gott zu bleiben, auszuüben und zu erhalten. Werden Sie von Ihren Berufsgeschäften, die Sie ja nicht versäumen müssen, davon abgehalten, so holen sie diese Zeit nach, auf eine andre Zeit des Tags.

Sie werden erfahren, daß, wann Sie hierin getreu sind, und in den Zerstreuungen die bestimmte Zeit des innern stillen Gebets doch aushalten, daß Ihnen für die übrige Zeit des Tags unter den Geschäften doch eine verborgene Salbung und Sammlung bleiben wird, daß Sie werden ruhig seyn und Ihre Geschäfte in dem Willen Gottes vollbringen können, und daß die göttliche Gnade in Ihnen erhalten wird. Wollten Sie aber ohne Noth, noch daß die Berufsgeschäfte es erfordern, die zum innern Gebet bestimmte Zeit vernachlässigen, so würde alles verloren gehen, und Sie nach und nach wie eine Schnecke austrocknen, daß Sie zuletzt alles innere Gebet verlieren, und wieder zur Welt kehrten, wofür Sie die Erbarmung Gottes bewahren wird.

Ihre Fehler betreffend, so seyn Sie ja getreu, solche nicht bemänteln zu wollen, und sind solche [82]so, daß Sie damit andre beleidigen, so machen Sie es gut damit, daß Sie solche und das Aergerniß abbitten, diese Demüthigung wird Ihr Inneres fördern.

Kommt Ihnen in Gedanken, Sie hätten in diesem oder jenem gefehlet, so ergreifen Sie diese Gedanken gleich, und hören die Entschuldigungen anderer darauf folgender Gedanken, die nur von der Eigenliebe und Furcht für Beschämung und Demüthigung kommen, nicht an, sondern sprechen: ja ich habe gefehlet. Bringen Sie diesen Fehler vor Gott, und bitten Sie Ihn, Sie davon zu reinigen, worauf Sie ruhig werden werden, und dann halten Sie sich nicht länger bei den Fehlern auf.

Seyn Sie aber höchstens getreu, allen innern Anforderungen Gottes, dieses und jenes zu thun oder zu lassen, genau nachzukommen, ohne welches Ihr Inneres nicht zunehmen wird.

v. F.

Erläuterungen:

a: Vgl. zu Fleischbein und den Schriften der Madame Guyon, Wingertszahn 2002, S. 63-92, 99f., Wingertszahn 2005, S. 275f. und KMA 1, S. 609-611, 760-773.