ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Von der Heilkunde der Seele.

Cicero, Marcus Tullius

(Aus Cicero's Tuskulanischen Quästionen.) a

Woher, o Brutus, kömmt es wohl, da wir doch aus Leib und Seele bestehen, daß man sich um die Kunst, den Körper zu heilen, und vor Krankheiten zu schützen, und um die nützliche Anwendung dieser Kunst bemüht, und den unsterblichen Göttern sogar die Ehre der Erfindung derselben zugeeignet hat; daß man hingegen die Heilkunde der Seele, weder vor ihrer Erfindung so sehr zu besitzen, noch nach ihrer Erfindung, dieselbe auszuüben gewünscht hat; und daß diese auch lange nicht bei so vielen Beifall und Liebe erhalten hat, als die Heilkunde des Körpers; ja, daß sie manchem sogar verhaßt und verdächtig geworden ist?

Kömmt dies vielleicht daher, weil wir vermittelst der Seele über unsre körperlichen Krankheiten und Gebrechen urtheilen, der Körper aber nicht so die Krankheiten und Schwächen der Seele bemerken kann? und weil also, indem die Seele über sich selbst urtheilt, dasjenige, womit sie urtheilt, selbst krank ist?

[121]

Hätte uns die Natur so geschaffen, daß wir sie selbst anschauen und durchschauen, und unter ihrer besten Führung unser Leben vollenden könnten, so bedürfte es weiter keiner Grundsätze, keiner Lebensregeln. Nun aber hat sie bloß einige kleine Fünkchen in uns gelegt, die wir bald, durch böse Sitten und Meinungen verschlimmert, dergestalt auslöschen und dämpfen, daß nie das Licht, welches uns die Natur gab, wieder hervorbrechen kann.

Die Keime aller Tugenden schlummern in unsern Seelen, dürften sie ungehindert emporschiessen, so würde selbst die Natur uns zur Glückseligkeit leiten. Itzt aber sind wir kaum geboren, so sind wir sogleich von aller Verderbtheit, und von der äußersten Verkehrtheit der Meinungen umgeben; so daß wir gleichsam schon mit der Ammenmilch den Irrthum einsaugen. Sind wir denn, von der Brust der Amme entwöhnt, unsern Aeltern wieder überliefert, so dauert es nicht lange, bis wir unter die Zucht unserer Lehrmeister gegeben werden, wo wir denn wieder mit einer solchen Menge von Irrthümern überschüttet werden, daß die Wahrheit dem Wahne, und dem eingewurzelten Vorurtheile die Natur selber weicht.

Laßt uns also untersuchen, welcher wichtigen Heilmittel denn die Philosophie gegen die Krankheiten der Seele sich bedient — denn es giebt ge-[122]wiß eine Arznei für die Seele; und die Natur kann unmöglich gegen das menschliche Geschlecht so hämisch und feindselig gesinnt gewesen seyn, daß sie für den Körper so heilsame Dinge, und für die Seele nichts dergleichen besorgt hätte.

Dem Körper kann nur von außenher zu Hülfe gekommen werden, was die Seele beglückt, ist in ihr selbst verschlossen. Je größer aber ihr Vorzug vor dem Körper, und je göttlicher ihr Ursprung ist, mit destomehr Aufmerksamkeit verdient sie behandelt zu werden. Eine wohlgeordnete Vernunft entdeckt immer, was das beste sey: da sie hingegen, sobald sie vernachläßigt wird, sich in unzählige Irrthümer verwickelt.

Die Heilungsarten der verschiedenen Krankheiten der Seele aber, sind eben so verschieden, als diese Krankheit selber. Jede Traurigkeit kann nicht durch einerlei Bewegungsgrund gestillt werden. Der Traurende, der Bemitleidende, der Beneidende, bedürfen jeder einer andern Arznei.

Das aber ist immer die gewisseste und sicherste Kur, wenn man den Kranken belehrt, daß die Unordnung in seiner Seele, mag sie auch entstehen woher sie wolle, an und für sich selbst schon ein Fehler, und weder nothwendig noch natürlich sey.

[123]

Oft scheint es, als ob wir die Traurigkeit selbst dadurch lindern können, wenn wir den Traurenden ihre weibische Schwachheit vorwerfen, und hingegen die Standhaftigkeit und Seelengröße dererjenigen loben, die gegen die Schicksale, denen der Mensch ausgesetzt ist, nicht murren.

Wir wollen, daß derjenige, den wir einen weisen und edeln Mann nennen sollen, standhaft, ruhig und gesetzt sey.

Ein solcher aber darf weder traurig noch furchtsam seyn, er darf weder etwas zu heftig wünschen, noch sich zu heftig freuen, wenn er das Gewünschte erlangt hat, denn das thun nur diejenigen, welche glauben, daß ihre Seelen nicht über die menschlichen Schicksale erhaben sind.

Die sicherste Heilart der Seele ist die, daß man, ohne darauf zu sehen, woher die Unordnung in ihr entstehe, von dieser Unordnung selbst, als von etwas Verwerflichem rede, und ihr einen Abscheu dagegen beizubringen suche.

Zusatz.

Woher kann aber der Seele ein Abscheu vor der Unordnung, welche in ihr herrscht, bei-[124]gebracht werden, wenn das unangenehme Gefühl von dieser Unordnung selbst nicht fähig ist, ihr einen Abscheu dagegen beizubringen? Und, wenn diese Unordnung durch die Länge der Zeit gleichsam mit ihrem Wesen einstimmig geworden ist, und daher von ihr selbst gepflegt und genährt wird? —

M.

Erläuterungen:

a: Ciceros Tusculanae disputationes (Gespräche in Tusculum, in fünf Büchern) entstanden um 45 v. Chr. Hier wird aus dem dritten Buch (Der Kummer, die größte Leidenschaft, beruht allein auf Meinung und kann durch umfassendes Begreifen überwunden werden) zitiert, Kapitel 1-3 (Philosophie als Heilmittel gegen die allumfangenden Irrtümer).