ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Revision der drei ersten Bände dieses Magazins.

Moritz, Karl Philipp

Da ich die in diesen drei ersten Bänden gesammleten Fakta überblicke, so finde ich die meisten unter der Rubrik Seelenkrankheitskunde.

Zur Seelenheilkunde, Seelenzeichenkunde, u.s.w. sind weit weniger Beiträge eingelaufen. — Es scheinet, als ob die Krankheiten der Seele schon an und für sich selbst, so wie alles Fürchterliche und Grauenvolle, am meisten die Aufmerksamkeit erregen, und sogar bei dem Schauder, den sie oft erwecken, ein gewisses geheimes Vergnügen mit einfließen lassen, das in dem Wunsche, heftig erschüttert zu werden, seinen Grund hat.

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Allein dieß kann freilich nicht im mindesten die Absicht bei dem Studium der menschlichen Seele seyn. Es kommt hier drauf an, wie diesen Krankheiten abzuhelfen ist. — Man soll ihren Quellen und Ursachen nachforschen; man soll untersuchen, wie sie aus der Aufhebung des Gleichgewichts zwischen den Seelenkräften entstehen, und wie dieß Gleichgewicht am besten wieder hergestellt werden könne.

Ferner bemerke ich, daß die eingelaufenen Beiträge zur Seelenkrankheitskunde selbst, größtentheils auf Beschreibungen von verschiedenen Aeußerungen des Wahnwitzes hinauslaufen. Freilich ist der Wahnwitz wohl eine Krankheit der Seele, indem ich mir unter derselben die vorstellende Kraft denke, welche durch den Wahnwitz am meisten leidet; aber er ist doch bei weitem nicht die einzige Krankheit derselben. Es giebt deren unzählige, welche oft freilich nahe genug an Wahnwitz grenzen, aber weil man sie nicht dafür ausgegeben wissen will, das menschliche Leben oft gerade am meisten verbittern.

Es scheint als habe man sich durch den Ausdruck Gemüthskrankheit täuschen lassen, womit man im gemeinen Leben, was ich Seelenkrankheit nenne, zu bezeichnen pflegt, und immer eine Art von Wahnwitz oder Melancholie darunter versteht.

Man hat sich noch nicht daran gewöhnt, den Geitz, die Verschwendung, die Spielsucht, den [3]Neid, die Trägheit, die Eitelkeit u.s.w. unter die Gemüths- oder Seelenkrankheiten zu rechnen, und auf specifische Mittel dagegen zu denken.

Dieß kömmt nun freilich wohl daher, daß derjenige, der eine solche Krankheit hat, gleich dem Schwindsüchtigen, immer am wenigsten glaubt, daß er sie habe. Und doch ist dieß freilich bittere Geständniß seiner Schwächen gegen sich selbst, gerade die angelegentlichste Sache bei der so nothwendigen Ausübung des γνωθι σ᾽αυτον (Kenne dich selbst) welches immer der Hauptpunkt bleibt, wohin sich alle Erfahrungen in Ansehung der menschlichen Seele vereinigen müssen.

Ich wünschte daher auf einige Gesichtspunkte Aufmerksamkeit zu erregen, wodurch der Beobachtungsgeist auf dasjenige hingelenkt würde, was unsre eigentliche Wohlfahrt am nächsten angeht, und wovon das eigentliche Glück unsres Lebens abhängt. —

Das eigentliche Glück unsres Lebens aber hängt doch wohl davon ab, daß wir so wenig, wie möglich, neidisch, habsüchtig, eitel, träge, wollüstig, rachsüchtig u.s.w. sind; denn alles dieß sind ja Krankheiten der Seele, die uns oft mehr, wie irgend eine körperliche Krankheit, die Tage unsres Lebens verbittern können.

Da nun das Wesen der Seele vorzüglich in ihrer vorstellenden Kraft besteht, so muß auch der Ursprung der Seelenkrankheiten, in irgend ei-[4]ner zur Gewohnheit gewordenen unzweckmäßigen Aeußerung dieser Kraft zu suchen seyn. Denn wenn ich hier z.B. von der Trägheit rede, so rede ich nicht von ihr, in so fern sie im Körper, sondern in so fern sie in der vorstellenden Kraft der Seele gegründet ist, und also auch durch eine beßre Lenkung derselben ihr wieder abgeholfen werden kann.

Eben so wenig aber, wie es dem Lahmen etwas helfen würde, wenn ich ihm sagen wollte, bewege dich — eben so wenig würd' ich dadurch auf den Trägen wirken, wenn ich ihm sagte: sei nicht träge, oder wenn ich ihm auch zu beweisen suchte, daß es unrecht sey, träge zu seyn.

Ich muß vielmehr der Ursach seiner Trägheit in irgend einer verwöhnten Richtung seiner vorstellenden Kraft nachspähen, und der vorzüglich entgegen zu arbeiten suchen.

Nun finde ich aber, daß dasjenige, was mich in Thätigkeit erhält, immer das Zusammendenken von Ursach und Wirkung ist, indem ich mir die letztere nur möglich denke, wenn die erstere vorhergegangen ist.

Ich schließe also, daß der Unthätige, der Träge seinen Geist verwöhnt hat, Wirkung und Ursach gehörig zusammenzudenken. Er denkt sich angenehme Wirkungen, ohne auf die Ursach oder die thätige Kraft Rücksicht zu nehmen, wodurch sie allein möglich gemacht werden können.

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Mein Bestreben wird also dahin gehen, die Federkraft der Gedanken, den gehörigen Ton in den Vorstellungen wieder herzustellen, wodurch sie in die nöthige Verbindung gebracht werden, die dazu erfordert wird, wenn sie Handlungen veranlassen sollen. —

Ich werde die Vorstellungen von den Ursachen, in die Vorstellungen von den Wirkungen, die auf eine schädliche Weise voneinander getrennt waren, aufs neue wieder zu verflechten suchen.

Ohne dem Trägen jemals irgend einen Vorwurf über seine Trägheit zu machen, oder ihm nur den Nahmen Trägheit zu nennen, werde ich, so lange die Kur dauert, ihn in allem, was er um sich her erblickt, in allen Bequemlichkeiten, die er genießt, die Unmöglichkeit der Wirkung, ohne die Ursach, so lange bemerken lassen, bis seine vorstellende Kraft sich endlich selbst zu dieser immerwährenden Richtung im Denken wieder gewöhnt; so daß an irgend einer angenehmen Idee aus der Region der Vorstellungen von den Wirkungen, sich immer aus der Region der Vorstellungen von den Ursachen, die minder angenehme, wodurch jene allein wirklich gemacht werden kann, unwillkürlich anschließt.

So scheint es, daß der Neid vorzüglich in einem Mißbrauch der vergleichenden Kraft der Seele gegründet ist.

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In einer zu großen Aufmerksamkeit auf die Verhältnisse der Dinge, ohne Rücksicht auf die Dinge selbst.

Statt daß ich also die Vorstellungen des Trägen mehr in Verbindung, in Wirkung und Gegenwirkung aufeinander zu bringen suche, muß ich die Vorstellungen des Neidischen, so lange die Seelenkur dauert, vom Morgen bis an den Abend, bei allen Gegenständen, die er um sich her erblickt, zu isoliren suchen. Ich muß ihn durch Uebung lehren, das, womit sich seine Denkkraft beschäftiget, ganz an und für sich, und in sich vollendet, ohne Rücksicht auf irgend etwas anders, zu betrachten. —

Die Habsucht scheint in einer Verwöhnung der vorstellenden Kraft zu liegen, sich mit den Dingen außer sich zu oft zusammen zu denken; wodurch man am Ende unfähig wird, die gehörigen Grenzlinien zwischen seinem Ich, und den nächsten Umkreisen desselben zu ziehen. Wo also die Anlage zu dieser Seelenkrankheit bemerkt wird, da kömmt es wohl vorzüglich darauf an, daß man der verwöhnten Denkkraft vom Morgen bis an den Abend, dadurch entgegen zu arbeiten sucht, daß man bei der Betrachtung aller äußern Gegenstände, die Grenzlinie zwischen denselben und unsrem Ich so genau wie möglich zieht. — Daß man ihren abstechenden Unwerth gegen das denkende Wesen immer auffallender macht. — Und die ganze Summe von Vorstellungen, die unter dem Haben be-[7]griffen sind, gegen diejenigen, die das Seyn in sich faßt, auf alle Weise zu schwächen und zu verdunkeln sucht.

Bei dem Verschwender, der sich selber nur zu sehr genug ist, sieht man leicht, daß man den ganz entgegengesetzten Weg wird gehen müssen.

Die vorstellende Kraft des Wollüstigen ist zu sehr auf seinen Körper als Materie geheftet. — Man lehre ihn unablässig den wunderbaren Bau und Zusammensetzung desselben, wodurch er zu Bewegung und Eindruck fähig wird, und die Einbildungskraft des Wollüstigen wird, wenn sie nicht in hohem Grade verderbt ist, gereinigt werden.

Die Eitelkeit entsteht aus einer Verwöhnung unsrer Denkkraft, wo wir unser eignes Ich nicht nur zum Gegenstande, sondern auch zugleich zum Zweck unsres Denkens machen. Wir können und müssen unser eignes Ich nothwendig zum Gegenstande unsres Denkens machen, wenn wir je in die Natur unsres Wesens tiefer eindringen wollen; aber ein edles Gemüth wird doch vorzüglich zu dieser Aufmerksamkeit auf sich selber angespornt, um auch andern dadurch nützlich zu seyn. — Der eitle Mensch hingegen denkt nichts, als sich, und denkt sich, und alles übrige, was er denkt, auch bloß um seinetwillen. — Er ist immer der Mittelpunkt von allem. —

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Dieser Verwöhnung der Denkkraft wird vielleicht am besten durch ein zweckmäßiges Studium der Geschichte und Astronomie entgegengearbeitet werden können. — Diese Seelenkrankheit ist übrigens vielleicht am schwersten zu heilen; sie ist zu sehr in das Innerste des Menschen verwebt; man müßte ihn gleichsam aus sich selbst herausreißen. — Wenn die Kur nicht gefährlicher wäre, als die Krankheit, so würde man sie vielleicht noch am ersten unterdrücken können, indem man bei einem sehr eitlen Menschen die vergleichende und Verhältnisse beobachtende Kraft der Seele vorzüglich zu erwecken suchte, wodurch aber wieder der Neid als eine neue und gefährlichere Seelenkrankheit verursacht werden würde.

Doch, ich breche für jetzt hier ab, um mich an alle Erzieher, Eltern, Lehrer und Prediger mit der angelegentlichsten Bitte zu wenden, doch auf ihre besondern Methoden, wodurch es ihnen gelungen ist, oder noch gelingt, irgend einer Seelenkrankheit, als Eitelkeit, Trägheit, Neid u.s.w. bei ihren Zöglingen, Freunden, oder Untergebnen, entgegen zu arbeiten, aufmerksam zu seyn, und diese Methoden zum Besten der Menschheit in diesem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde bekannt zu machen, welches doch nun einmal eine Veranlassung zur Mittheilung von dergleichen gemeinnützigen Bemerkungen seyn kann, [9]die gewiß für jedermann wichtig und lehrreich seyn müssen.

Der Wahnwitz ist doch immer größtentheils mit in dem Körper gegründet, und wird oft durch Mittel geheilet, die vorzüglich auf den Körper wirken. — Er kann also nicht der Hauptgegenstand der Erfahrungsseelenkunde seyn, sondern es kömmt vorzüglich auf die Natur unsrer vorstellenden Kraft, auf die Abweichungen und die gehörige Art des Einlenkens derselben an, wenn dieß Studium so nützlich seyn soll, als es doch wirklich seyn kann.

In dem ersten Stück des ersten Bandes finde ich nun unter der Rubrik zur Seelenkrankheitskunde folgende Personen aufgestellt:

Gottfried Friese, ein Mensch, der in seinem 24sten Jahre starb, ohne eigentlich gelebt zu haben, weil er nie in seinen Leben einen Strahl vom Menschenverstande bekommen hatte. — Ob es mehr dergleichen Personen geben mag? darauf sollte man doch aufmerksam seyn! —

Johann Matthias Klug, ein Mann, der die Rechtsgelehrsamkeit in ihrem ganzen Umfange, Weltweißheit und Geschichte verstand, und weil er glaubte, gegen die Religion des Königs von Preußen ein Buch geschrieben zu haben, sich sein ganzes übriges Leben hindurch, in eine Stube einsperrte. — In seiner Familie war etwas tief melancholisches, und er hatte viel mit dem Kopfe arbeiten müssen. — Merkwürdig ist der Umstand, daß er sich alle [10] Morgen seine Träume aufschrieb. — Wenn die Ideen, die man in Träumen gehabt hat, nicht gehörig wieder verdunkelt werden, sondern mit denen, die wir im Wachen haben, gleiche Kraft erhalten, so muß nothwendig eine Unordnung in der vorstellenden Kraft, eine Art von Wahnwitz daraus entstehen — und wer weiß, ob nicht jeder Wahnwitz zum Theil mit daher seinen Ursprung haben mag. Die Aufmerksamkeit des Herrn Klug, womit er seine Träume des Morgens aufschrieb, war gewiß eine Ursach mehr seinen Wahnwitz fortdauernd zu erhalten, so wie es ihm vielleicht zuerst geträumt haben mag, daß er das Buch, was er sich gegen den König von Preußen geschrieben zu haben einbildete, wirklich gedruckt sahe, und nun alle die fürchterlichen Folgen davon befürchtete, die ihn bewogen, sich lebenslang auf seine Stube einzusperren.

Der Musquetier, Friedrich Wilhelm Meyer, welcher im höchsten Lebensüberdruße, da er sich durch die Ermordung eines andern selbst den Tod zuziehen wollte, doch noch reflektirt zu haben gestand, ob er an der Krankenwärterin, die ihn geschimpft hatte, den Mord verüben solle, um sich zugleich zu rächen, oder an seinem noch schlafenden unschuldigen Kammeraden, den er also, da er gerade keine Sünde that, umbringen wollte. — Die Verzweiflung muß erstaunlich weit gehen, wenn sie solche kaltblütige Reflexionen zuläßt. —

[11]

Christian Philipp Schönfeld, ein spanischer Weber in Berlin, bei dem die Traumideen sich auch so stark mit den Wahrheitsideen vermischten, daß er die ungeheuren Schätze, von denen ihm des Nachts geträumt hatte, wirklich gehoben zu haben glaubte, und also in Ansehung dieses Punktes völlig wahnwitzig wurde.

Christian Gragert, ein Gensd'armes in Berlin, der durch das fleißige Lesen des Propheten Daniels dahin gebracht wurde, daß er sich in den Kopf setzte, Wunder thun zu können. — Es kömmt alles auf die Gewöhnung der Gedanken an. Auch der beste Kopf, der sich in die Lektüre von Wundern zu lange vertiefte, würde vielleicht am Ende unterliegen, wie vielmehr denn ein Mensch, der sich nie zu denken gewöhnt hat. — Merkwürdig würde aber eine Sammlung von Beispielen seyn, was eine eingeschränkte und oft wiederhohlte Lektüre auf das ganze Gedankensystem für einen Einfluß haben kann.

Der Kindermörder Seibel, welcher aus Lebensüberdruß ein Kind ermordete, das er zu dem Ende vorher viele Gebete und Sprüche aus der Bibel lehrte, um es recht fromm zu machen, ist in seiner Art ein sehr merkwürdiges Beispiel. Der Lebensüberdruß scheint eine eigne Seelenkrankheit zu seyn, welche wohl vorzügliche Aufmerksamkeit verdient, da sie so entsetzliche Wirkungen hervorbringt.

[12]

Bei dergleichen Faktis wird es also vorzüglich darauf ankommen, daß man den verschiedenen Quellen des Lebensüberdrusses nachzuspüren sucht. Ich werde diejenigen Beiträge von der Art, welche etwa künftig einlaufen möchten, wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes unter eine eigne Nebenrubrik zu ordnen suchen, worunter nun auch alle Geschichten von Selbstmördern gehören. Diejenigen, welche mir etwa künftig dergleichen mittheilen wollen, ersuche ich, doch ja so viel Umstände, wie möglich, von der Erziehung, Lebensart und Umständen der Personen beizubringen, welche durch den Selbstmord sowohl ein Gegenstand des Mitleids, als der Aufmerksamkeit der Nachgebliebnen geworden sind.

Ein Aufsatz von Herrn Jördens, wo derselbe von einer sonderbaren Wirkung erzählt, welche der Ausdruck und die Vorstellung vom Schlage gerührt seyn auf seine Einbildungskraft machte, kann auch noch mit zur Seelenkrankheitskunde gezogen werden: denn Herr J.. gesteht selbst, daß zu wenige Abwechselung in seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen und eine zu einförmige Lebensart seinen Geist für Ausartungen der Einbildungskraft empfänglicher gemacht hätten, und daher jene Vorstellung eine so außerordentliche Obergewalt in seiner Seele gewinnen konnte, daß sie dieselbe eine Zeitlang mit den schrecklichsten [13]Bildern des Todes anfüllte, und seinen Zustand dadurch höchst traurig machte.

Es kann wohl keine wichtigere Frage in der Seelenkunde geben, als die, wie man eine Idee herrschend machen, und eine herrschende Idee wieder unterdrücken könne; daher mehrere dergleichen und noch mehr detaillirte Erfahrungen, wie die von Herrn J... gewiß von großen Nutzen seyn würden.

Was aber die Träume des Herrn J... sowohl als des Herrn D. Knape betrift, welche von pag. 70 bis 84 des ersten Stücks des ersten Bandes dieses Magazins stehen, so ist, alles was von diesen Träumen eintraf, zugestanden, das Wunderbare und Auffallende davon, doch wohl mehr anscheinend, als wirklich.

Daß nehmlich dem Herrn D. K. träumte, es sey des folgenden Tages, Mittags gegen zwölf Uhr, wo gewöhnlich die Lotterie gezogen wurde, war schon ein Umstand, der eben so leicht von ihm geträumt werden, als am andern Tage eintreffen konnte, da seine Gedanken schon den Tag über sich mit der morgenden Lotterie beschäftiget hatten.

Daß gerade um die Zeit der Hofapotheker, bei dem er sich damals aufhielt, zu ihm herunterschickte, und ihm sagen ließ, daß er heraufkommen solle, war ein sehr gewöhnlicher Umstand, der ihm oft mochte geträumt haben, was Wunder nun, daß [14]er ihm gerade auch einmal in dieser Verbindung träumte.

Daß ihn derselbe zu dem Auktionskommissarius Mylius schickte, um zu fragen, ob dieser die kommitirten Bücher erstanden habe, gründet sich wahrscheinlich auf die Erinnerung an einen vorhergehenden Auftrag, den er wegen dieser Bücher schon an den Auktionskommissarius bekommen hatte. Und der Umstand, daß der Hofapotheker zu ihm sagte, er solle bald wieder kommen, kann sich sehr leicht auf eine Gewohnheit desselben gründen, immer das baldige Wiederkommen einzuschärfen; oder kann auch durch den Wunsch, länger Zeit zu haben, veranlaßt seyn, weil dem Herrn K. einfiel, sobald er seinen Auftrag ausgerichtet sogleich nach dem Generallotterieamte zu laufen, und zu sehn, ob seine Nummern herauskommen würden.

Dieß letztere würde ihm auch bei jedem andern Auftrage, den ihm der Hofapotheker hätte geben können, eingefallen seyn. — Was Wunder, daß unter hundert Träumen, die Herr K. vielleicht von der Art gehabt haben mochte, einmal diese beiden Umstände, daß er zum Auktionskommissarius Mylius geschickt wurde, und von da nach dem Generallotterieamte ging, im Traume und in der Wirklichkeit zusammentrafen?

Vielleicht konnte sogar der Wunsch, da ihn der Hofapotheker rufen ließ, daß er doch möchte in der Gegend des Generallotterieamts an der Jä-[15]gerbrücke verschickt werden, die Vorstellung von dem Auktionskommissarius Mylius hervorrufen, der wahrscheinlich unter den Leuten, wohin er geschickt zu werden pflegte, dem Lotterieamte noch mit am nächsten wohnte.

Der Umstand, daß er nun hier die gewöhnliche Zurüstung, und eine ansehnliche Menge Zuschauer fand, (die Lotterie wurde damals noch auf öffentlicher Straße gezogen) und daß er dem Weisenknaben die Augen verbinden sahe, will nun gar nichts sagen. Denn das mußte ja wohl immer eintreffen, so oft ihm von der Lotterie träumte.

Der Umstand scheint nun freilich merkwürdiger, daß gerade, da er hinkam, die Zahl 60 vorgezeigt und ausgerufen wurde, welches er für eine gute Vorbedeutung hielt, weil es eine von seinen Nummern war, und daß dieß am folgenden Tage buchstäblich so eintraf. —

Daß er aber wünschte, man möchte eilen, damit er sähe, ob seine beiden Nummern 60 und 22 herauskämen, ist wieder ein sehr unbedeutender Umstand, wenn er gleich eintraf; denn was war natürlicher, als dieser Wunsch, da ihm einmal geträumt hatte, er solle bald wieder zu Hause kommen, der Hofapotheker warte auf die Antwort.

Daß ihm nun aber träumte, seine beide Nummern wurden gezogen, war ja weit natürlicher, als daß ihm das Gegentheil hätte träumen sollen. — Die Phantasie ist ja in Träumen sich selbst gelassen, [16]warum soll sie sich nicht schaffen, was sie wünscht, da es in ihrer Macht stehet; wenn sie bei gesundem Körper ungehindert wirkt, pflegt dieß auch gemeiniglich zu geschehen. — Und unter hundert malen, wo dem Herrn K. geträumt haben mochte, daß seine Nummern herauskämen, wäre es ja wohl fast ein Wunder gewesen, wenn sein Traum nicht ein einzigesmal hätte eintreffen sollen.

Daß er nun zuletzt sagte: ich habe nicht länger Zeit, nun mögen sie ziehen, was sie wollen, und dann zu Hause ging, war ja wohl das natürlichste Resultat aus dem Vorhergehenden. Wenn alles Vorhergehende eintraf, so mußten ja nothwendig auch diese Worte eintreffen, er mochte sie nun bloß denken oder wirklich sagen.

Daß ihm aber den andern Morgen der Traum noch so deutlich vorschwebte, und daß er sogar die Erfüllung desselben ordentlich abwartete, läßt sich sehr gut aus der Begierde erklären, womit Personen, die in die Lotterie gesetzt haben, zuweilen dem Zeitpunkte ihrer Ziehung entgegen sehen. Diese Personen pflegen auch gemeiniglich sehr lebhaft zu träumen, und sich ihrer Träume sehr deutlich zu erinnern, weil sie sich gewöhnt haben auf Träume zu bauen, wie Herr K. auch vielleicht in seiner Kindheit mochte gethan haben. —

Da ich mich einmal auf die Erklärung der Träume eingelassen habe, so will ich noch einen Traum, welcher im ersten Stück des dritten Bandes steht, [17]herausheben, um zu sehn, in wie fern sich die Entstehung sowohl als die anscheinende Erfüllung desselben aus wahrscheinlichen und natürlichen Gründen zeigen läßt.

Ueber einen Aufsatz im ersten Stück des dritten Bandes dieses Magazins mit der Ueberschrift: Eine Unglücksweissagung.

Bei dem Traume des Herrn Pastor U.. ist sogleich der Umstand sehr zu merken, daß er mit seinem Freunde sehr oft zusammen kam, und dieser vier Wochen vor seinem Ende immer von seinem sehr nahe bevorstehendem Tode zu sprechen pflegte.

Ja, daß ihm derselbe sogar eines Tages seinen Leichentext und verschiedene Umstände von seinem Lebenslauf, die dem Herrn Pastor U.. noch nicht bekannt waren, brachte, weil dieser ihm, der Gewohnheit gemäß, die Leichenrede halten sollte.

Nichts war ja wohl natürlicher, als daß dem Herrn Pastor U.. unter den Umständen von dem Tode seines Freundes träumen mußte, und eben so natürlich war es, daß ihm von einer gewaltsamen Todesart desselben träumte, da noch gar kein Anschein einer Krankheit bei ihm zu spüren war, und er also, wenn seine Ahndungen eintreffen sollten, nothwendig eines gewaltsamen Todes sterben mußte.

[18]

Daß nun aber die Einbildungskraft des Herrn Pastor U.. sich gerade scheugewordene Pferde dachte, wodurch der Tod seines Freundes bewirkt würde, folgte eben so natürlich, weil dieß, in Ansehung eines Mannes, der sich, wie sein Freund, der ein Prediger war, so weniger Gefahr auszusetzen pflegt, das nächste war, wornach seine Phantasie greifen konnte, da er ohnedem vielleicht schon gehört hatte, daß die Pferde seines Freundes sehr rasch, oder vielleicht gar schon eher einmal scheu geworden waren. —

Daß ihm nun aber unmittelbar darauf träumt, er sey in dem Hause seines Freundes, wo er eine ziemliche Anzahl verschiedner aus der Gemeinde findet, die ihren Prediger, der bei allen in großer Achtung stand, mit vielen Thränen beklagten; dieß will gar nichts sagen: es war der natürliche Gang der Einbildungskraft, so wie der natürliche Gang der Dinge, und wenn das erste in der wirklichen Welt geschahe, so mußte auch das zweite in der wirklichen Welt aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgen; indem ein gewaltsamer Tod immer weit mehr Menschen, als ein natürlicher Tod, in der Wohnung des Verstorbenen zu versammlen pflegt. —

Daß nun freilich dem Herrn Pastor U.. träumte, wie der Körper seines Freundes auf einem Tische lag, und wie man an dessen Kopfe sehen konnte, daß er damit auf einen spitzigen Zacken gefallen sey, der durch den ganzen Kopf ge-[19]drungen, und bei der Schläfe wieder herausgekommen war, ist ein Umstand, der freilich merkwürdiger scheinet, allein der Herr Pastor sagt nicht, ob derselbe genau eingetroffen sey — und gesetzt, man erinnert sich auch eines Traums noch so deutlich, so ist doch bei der anscheinenden Erfüllung desselben gemeiniglich noch etwas zurückgeblieben, dessen man sich dann erst erinnert, und wo sich denn die Erinnerung mit der wirklichen Sache oft so sehr zu verschwimmen pflegt, daß es gar leicht ist, eines mit dem andern zu verwechseln. —

Nun bleibt freilich noch immer die Frage, warum stellte sich der Traum denn gerade an dem Morgen des Tages ein, da das Unglück geschahe? Gewiß war es keine andere Ursache, als weil der Herr Pastor U.. von seinem Freunde die Nachricht erhalten, daß derselbe an dem Tage eine kleine Spatzierfahrt nach der H.. machen würde, und ihn selbst dahin eingeladen hatte.

Da also die Besorgniß für seinen Freund schon einmal die Einbildungskraft des Herrn Pastor U.. erhitzt hatte, so war dieß ja wohl die natürlichste Veranlassung, wodurch die schon seit längerer Zeit gesammelten Bilder in derselben zum Ausbruch kamen, und sich in das Ganze eines Traums zusammenfügen mußten.

Eine eigentlich nicht hieher gehörige Frage ist die: wie kam es denn, daß die Ahndung des Freundes des Herrn Pastor U.. so genau eintraf?

[20]

Fürs erste kann man nicht sagen, daß sie genau eintraf, denn sie ging, wie es bei vielen Menschen geschiehet, auf sehr etwas Allgemeines und Unbestimmtes, auf einen nahe bevorstehenden Tod — die Art des Todes und die eigentliche Zeit desselben war auf keine Weise in dieser Ahndung mit begriffen.

Und nun ein paar Worte über das Eintreffen der Ahndung! — Ein Mensch, der seit einigen Wochen mit nichts, als dem Gedanken eines nahen Todes umgeht; der übrigens in seinem Körper noch keine Spur einer eigentlichen Krankheit bemerkt; der also seinen ihm so nahe bevorstehenden Tod nothwendig von einer äußern Ursache erwarten muß; dem also in jeder kleinen Gefahr, die ihm droht, das Bild des nahen Todes vorschwebt, kann der wohl bei irgend einer Gefahr Gegenwart des Geistes genug behalten, um sich gehörig dabei zu nehmen? wird er nicht vielmehr, da er doch nun einmal glaubt, es sey sein Schicksal jetzt zu sterben, sich lieber ohne alles Widerstreben in den Abgrund hinabziehen lassen, dem er doch nun einmal nicht glaubt entgehen zu können, und vor dem die Furcht noch schrecklicher, als das Schreckliche selber ist? — Auf diesen Umstand sollte man aufmerksamer seyn, und man würde vielleicht finden, daß traurige Ahndungen, die man sich in den Kopf gesetzt hat, weit öfter Ursachen als Vorbedeutungen des Todes sind.

[21]

Indes kann es nicht fehlen, daß ein Traum, der zufälliger Weise auf die Art eintrift, eine ganz besondre Wirkung auf die Seele thun muß. — Die Grenzlinien zwischen Wahrheit und Traum scheinen wegzufallen; man glaubt, man träume noch wachend.

Nichts ist daher natürlicher und wahrer gesagt, als die Worte der Frau des Herrn Pastor U.., da sie die Nachricht von dem Tode seines Freundes hörte: »Ists möglich, einen solchen Traum, der mir heute schon so viel Angst und Sorgen gemacht hat (der Herr Pastor U.. hatte ihn ihr gleich beim Aufstehen erzählt) schon erfüllt zu sehen! — wir träumen heute wohl alle — und wollte Gott, wir träumten, so hätten wir unsren Freund noch! —«

Diese Bemerkung, dieser Wunsch, wie tief sind beide im Innersten der Seele gegründet! —

Zuletzt bemerkt der Herr Pastor U.. noch, daß in dem Hause seines verstorbenen Freundes nicht einmal eine Veränderung des Anzuges bei mehr als hundert Personen anzutreffen war. — Vermuthlich, weil die Personen größtentheils Bauern waren, die immer ziemlich gleich gekleidet zu seyn pflegen, und weil die übrigen, da sie sich zu einem solchen Besuch nicht werden angeputzt haben, wahrscheinlich ihre gewöhnlichen Kleider trugen, worin sie der Herr Pastor U.. sonst im Wachen gesehen hatte, und also auch kein Grund vorhanden war, daß er sie im Traume hätte anders [22]sehen sollen. — Ueberdem ist es schwer, die Kleidung von hundert Menschen, wovon einer träumet, so genau im Gedächtniß zu behalten.


Wie die Traumideen sich mit den Wahrheitsideen vermischen können, davon stehen pag. 53 im ersten Stück des ersten Bandes dieses Magazins, unter der Ueberschrift wachender Traum, ein paar sehr merkwürdige Beispiele.


Ueberhaupt ist das Kapitel von den Träumen in der Seelenlehre, ohngeachtet seiner Wichtigkeit, noch zu wenig bearbeitet. Man hat noch zu wenige Erfahrungen darüber gesammlet, und diejenigen, welche man gesammlet hat, sind größtentheils schon mit einem gewissen Vorurtheil von ihrer bedeutenden Kraft niedergeschrieben worden.

Es verlohnt aber wohl der Mühe zur nähern Kenntniß dessen, was in uns denkt, auch auf seine Träume aufmerksam zu seyn. Jeder Traum, den wir haben, er scheine so unbedeutend wie er wolle, ist im Grunde eine merkwürdige Erscheinung, und gehört mit zu den Wundern, wovon wir täglich umgeben sind, ohne daß wir unsre Gedanken darauf richten.

Daß ein Mensch, wenn sein Körper in völliger Unthätigkeit da liegt, und alle Zugänge der [23]Sinne verschlossen sind, wodurch uns sonst die immerwährende Fluth von Ideen zuströmt, dennoch sieht, und hört, und schmeckt, und fühlt, ohne doch wirklich zu sehen, zu hören, zu schmecken, und zu fühlen, ist gewiß eins der sonderbarsten Phänomene in der menschlichen Natur, und der, welchem es unter allen Sterblichen zum erstenmale begegnet wäre, hätte es nothwendig für ein unbegreifliches Wunder halten müssen.

Da dieß Wunder so alltäglich geworden ist, scheint das Träumen eine so unbedeutende Sache zu seyn, bei der es nicht der Mühe verlohnt, mit seinen Gedanken zu verweilen; oder wer noch mit seinen Gedanken dabei verweilt, der thut es größtentheils aus unedlen und eigennützigen Absichten, oder aus einer kindischen Neugierde in Ansehung dessen, was ihm künftig begegnen wird.

Der Weise macht den Traum zum Gegenstande seiner Betrachtungen, um die Natur des Wesens zu erforschen, was in ihm denkt, und träumt; um durch den Unterschied zwischen Traum und Wahrheit die Wahrheit selbst auf festere Stützen zu stellen, um dem Gange der Phantasie und dem Gange des wohlgeordneten Denkens bis in seine verborgensten Schlupfwinkel nachzuspähen.

Jeder Traum, dessen man sich zufälliger Weise mit mehrerer Deutlichkeit erinnert, kann zu dergleichen Untersuchungen Stoff hergeben.

[24]

Ich werde daher künftig eine eigne untergeordnete Rubrik, in der Rubrik zur Seelennaturkunde, zu einer Sammlung an sich merkwürdiger, oder durch Reflexionen merkwürdig gemachter Träume bestimmen. Für jetzt genug hievon!


Beispiele des Lebensüberdrusses.

Sind im zweiten Stück des ersten Bandes die Geschichte des Musquetiers Daniel Völkners, die pag. 10, und des Inspektors Johann Peter Drieß, die pag. 18 steht.

Bei dem ersten war der Lebensüberdruß höchstwahrscheinlicher Weise durch überspannte Vorstellungen von der Glückseligkeit eines künftigen Lebens entstanden, die ihm das für eine hochgespannte Phantasie freilich eben nicht reitzende Leben eines gemeinen Soldaten eckelhaft und abgeschmackt machten. Um sich nun also ohne Selbstmord, wodurch er der Seligkeit verlustig zu werden glaubte, der Bürde dieses Lebens zu entledigen, ermordete er ein unschuldiges Kind, mit dem festen Gedanken sich dann noch vor seiner Hinrichtung wieder zu bekehren, um auf die Weise doch noch Gnade wieder zu erhalten. Er hatte also auf eine recht politische Art sich zugleich die Be-[25]freiung von diesem, und die gewisse Erlangung eines bessern Lebens zu verschaffen gesucht.

Ob nicht Lebensüberdruß bei so manchen Personen bloß aus dieser Ursach entstehen mag? — Ob nicht vielleicht eine große Anzahl Menschen dem Märtyrertode thörichter Weise entgegen eilten, weil ihre von Scenen des künftigen Lebens erhitzte Phantasie ihnen dieß Leben schaal und abgeschmackt machte.

Dieß sollten doch Prediger wohl erwägen, die sich oft so gern in reitzenden Schilderungen der Freuden des Himmels verlieren, ohne auf die schwachen Gemüther Rücksicht nehmen, denen sie dadurch alle die Freuden dieses Lebens, die sie sonst genießen könnten, zum Eckel machen. Sie sollten doch den Blick ihrer Zuhörer immer mehr auf dieß Leben heften, und ihnen das künftige Leben immer nur in ganz nothwendiger Verbindung mit diesem schildern.


Bei dem Inspektor Drieß war der Lebensüberdruß oder vielmehr die Sterbensbegierde aus einer ganz von jener verschiedenen Ursach entstanden. — Er affektirte nehmlich ein Freygeist und starker Geist zu seyn, und wollte sich zu Tode hungern, um Stärke des Geistes zu zeigen.

Er wollte von den Großen bemerkt seyn — und sobald er seinen Endzweck erreicht zu haben glaubte, indem ihn der Prinz Heinrich persönlich besuchte, so war er auf einmal von seinem rasenden [26]Entschluß, sich todt zu hungern, wieder hergestellt, und fand sich glücklich; da er aber merkte, daß man seine thörichte Eitelkeit bemerkt hatte, und sein ganzes Betragen für Affektation hielt, wie es denn auch wirklich war — so wurde er aufs neue wieder rasend, nicht darüber, daß er wirklich ein so eitler und schwacher Mensch gewesen, sondern daß er andern so vorgekommen war, und in dieser letzten Raserei, da er nun keinen Ausweg wieder zu glänzen mehr vor sich sahe, rennte er mit dem Kopf gegen die Wand, und stieß sich das Gehirn entzwei — ein erstaunliches Beispiel von einer unbegrenzten Eitelkeit, die man beinahe in ihrer Art groß nennen könnte, wenn sich Eitelkeit und groß zusammen denken ließe.

Wie sehr wünschte ich, daß mir jemand von der Erziehung und den vorhergehenden Schicksalen dieses Inspektor Drieß, bei dem ein sonst ungewöhnlicher Hang zur Eitelkeit solche entsetzliche Wirkungen hervorbringen konnte, mehrere authentische Nachrichten mittheilen möchte!

Hier sind also zwei Beispiele: Lebensüberdruß aus überspannten Phantasien von der Glückseeligkeit eines bessern Lebens und Lebensüberdruß aus Eitelkeit.

Zu der Geschichte Daniel Völkners steht eine Parallel im dritten Stück des ersten Bandes pag. 28 mit der Ueberschrift: Geschichte eines Selbstmords aus Verlangen seelig zu werden.[27]Die Herrnhuterin, von der hier die Rede ist, muß sich nicht solche Gewissensscrupel, wie Daniel Völkner, in Ansehung des Selbstmordes gemacht haben. — Sie wählte, um heimzugehen, den 17ten May; ein Tag, der ein großer Festtag bei der Brüdergemeine ist — und hatte sich mit einem Messer eine große Oefnung in die Seite des Unterleibes gemacht, wahrscheinlich um die Seitenwunde des Heilands nachzuahmen; denn kurz vorher hatte sie immer die Worte von sich hören lassen: In deine Wunden mein Heiland, Ja ? — Ja! das letztere ja war dann die Antwort des Heilandes gewesen, mit dem sie sich in den kindisch frömmelnden Ausdrücken der Herrnhuter auf die Art noch kurz vor ihrer That unterredete. — Da sie nun immer kränklich und bettlägerig war, so mußte ihr freilich dieß Leben, das sie sobald mit einem weit bessern, wovon ihre Phantasie erfüllt war, vertauschen konnte, sehr lästig werden.


Einer der merkwürdigsten Beiträge zu dem Kapitel vom Lebensüberdrusse ist der eigne Aufsatz eines Selbstmörders unmittelbar vor der That niedergeschrieben, welcher ebenfalls im dritten Stück des ersten Bandes pag. 32 steht.

Der Hofgerichtsassistenzrath Clooß, von dem sich dieser Aufsatz herschreibt, ist ein merkwürdiges Beispiel des Lebensüberdrusses nicht aus Eitelkeit, sondern aus Stolz.

[28]

Seine Geschichte kontrastirt daher auf eine sehr edle Art gegen die Geschichte des Inspektor Drieß. Eine Schwäche im Denken, die ihn unfähig machte, seinem Amte gehörig vorzustehen, und deren er sich selbst mehr als zu sehr bewußt war; die Furcht, daß diese immer zunehmende Schwäche ihn dareinst gänzlich unbrauchbar machen, und er dadurch der Welt und seiner Familie zur Last werden würde, war die Ursach daß er mit aller Kraft des Nachdenkens und der Ueberlegung, den Entschluß faßte, seinem Leben ein Ende zu machen. —

Die vortrefflichen Reflexionen des Herrn Regierungsrath Glave, über diesen Vorfall, erschöpfen den Gegenstand so vollkommen, daß ich nichts mehr hinzufügen darf. — Nicht leicht aber wird man Stolz und Eitelkeit auffallender gegeneinander kontrastirt finden, als wenn man die Beispiele dieser beiden Selbstmörder des Assistenzrath Clooß und des Inspektor Drieß zusammenhält.

Im ersten Stück des zweiten Bandes pag. 13 findet sich wieder ein neues Beispiel von einem Kindermörder aus Lebensüberdruß.

Man sieht diejenigen, welche aus Furcht vor der Sünde des Selbstmords, und vor den Verlust der Seeligkeit, der darauf steht, nicht dazu schreiten, und doch ihres Lebens loß seyn wollen, werden gemeiniglich Kindermörder. Davon finde ich hier nun schon das dritte oder vierte Beispiel.

[29]

Der Lebensüberdruß vertilgt also zwei Menschen, statt daß er sonst nur einen vertilgt haben würde. Und gemeiniglich pflegt er diese Wendung bei geringen Leuten, die nur einen sehr eingeschränkten Ideenkeim haben, zu nehmen.

Die Kindermörder in den vorhergehenden Beispielen waren gemeine Soldaten, und dieser letztre war ein Raschmachergeselle, welcher häufige Beängstigungen hatte, die er oft durchs Gebet zu vertreiben suchte. — Alle die Kindermörder, von denen noch die Rede gewesen ist, haben fleißig gebetet.

Bei diesem war bloß die Furcht, zur Arbeit zugleich untauglich zu werden, (denn wenn er seine Beängstigungen bekam, so rissen ihm immer viele Fäden) das, was ihn bewog, durch Ermordung eines Kindes seinem Leben ein Ende zu machen.

Wenn du doch nicht mehr wärst! fiel ihm plötzlich ein, allein er wollte sich nicht selbst vom Leben zum Tode bringen, sondern es mußte ihm wohl bequemer scheinen, vom Leben zum Tode gebracht zu werden. Er hatte nicht den Muth, seinen Tod selbst zu bewirken, sondern nur, ihn zu veranlassen. — Nicht sowohl die Begierde nach den Freuden des Himmels, als vielmehr die entsetzliche Furcht vor einem qualvollen Leben, schien seinen Mordentschluß zur Reife gebracht zu haben.


[30]

Noch ein Beispiel einer schwärmerischen Sehnsucht nach dem Tode, und damit verknüpften Lebensüberdrusses bei einer Frau, die durch ein vielleicht zu hartes Zureden des Predigers im Beichtstuhle, durch verschiedne biblische Sprüche, und ein schwärmerisches Lied, das sie sang, sich in dem Kopf setzte, sie habe einen Beruf zu sterben, und sie wolle und müsse sterben, wobei ihre Blicke wild und ihre Mienen bitter ernsthaft waren — ein merkwürdiger Umstand, der die nothwendige Stimmung der Seele bei allen denen, die im eigentlichen Verstande sterben wollen, auszudrücken scheint. — Bei dieser Frau kam aber freilich auch körperliche Krankheit dazu. Sie ist nachher völlig wieder hergestellt worden. — Hier ist also wiederum ein Beispiel des Lebensüberdrusses aus blosser religiöser Schwärmerei.


Im dritten Stück des zweiten Bandes pag. 3 finde ich noch ein Beispiel vom Lebensüberdruß, das sich auf die äußre Lage zu gründen schien, worin sich die Person, welche die Bürde des Lebens abwarf, befand.

Es war eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, bis in ihr 23stes Jahr von einer Schwärmerin erzogen; ihr Mann kam ihr zu gleichgültig vor; sie war denen, die sie umgaben, lästig, weil sie weder Geschicklichkeit noch Aufmunterung [31]genug hatten, sich in die abwechselnden Launen einer eigensinnigen nervenkranken Person zu schicken.

Sie hätte müssen aus ihrer Verbindung eine Zeitlang herausgerissen werden, um mit vernünftigen und aufgeklärten Leuten Umgang zu haben; dann wäre ihr vielleicht zu helfen gewesen.

Man sieht auch hier, daß die überspannte schwärmerische Phantasie, welche von Kindheit auf bei ihr genährt war, und in die ihr Mann seinem Temperamente nach, gar nicht mit einstimmen konnte, die vorzüglichste Ursach zum Lebensüberdruß bei ihr gewesen ist. — Wie eckel mußte ihr eine Welt werden, wo im nächsten Cirkel, der sie umgab, ihr alles so kalt, so untheilnehmend, so unempfindlich schien.


Unter der Ueberschrift: ein neuer Werther, steht noch im zweiten Stück des dritten Bandes pag. 115 ein Beispiel des Lebensüberdrusses, welcher vermuthlich in einer lächerlichen Eitelkeit des jungen Menschen, der sich erschoß, gegründet war. —

Denn er hatte alles so eingerichtet, daß der Selbstmord recht brillant werden sollte. Er hatte sich noch vorher balbiert, einen neuen Zopf gemacht, und sich rein angezogen; dann hatte er Werthers Leiden pag. 218 aufgeschlagen auf den Tisch vor sich hingelegt.

Er wollte aber auch die That nicht ohne Zeugen verrichten, sondern da man des Morgens seine [32]Thüre eröfnete, stand er mit fliegendem Haar, in einer völlig tragischen Stellung da, hielt sich die Pistole, grade so wie das Muster, das er nachahmete, über das rechte Auge, drückte loß, und stürzte nieder.

Der junge Mensch schien nun einmal glänzen und eine Art von großer Rolle spielen zu wollen, sollte es auch mit Verlust seines Lebens seyn.

Dieß Beispiel verdient gewissermaßen neben das von dem Inspektor Drieß gestellt zu werden.


Also Lebensüberdruß aus Eitelkeit, aus Stolz; aus überspannter Begierde nach der Glückseeligkeit eines künftigen Lebens; aus religiöser Schwärmerei; aus Unzufriedenheit mit der wirklichen Welt, im Kontrast gegen die idealische Welt, die man sich selbst gebildet hat— dieß sind die verschiednen Arten des Lebensüberdrusses, worauf durch die angeführten Beispiele die Aufmerksamkeit gelenkt wird. —

Diese Krankheit der Seele, die im höchsten Grade unnatürlich und gewaltsam ist, scheint mit sehr schnellen Schritten vorwärts zu gehen, und alsdann gemeinlich zu einem fürchterlichen Ausbruche zu kommen. — Es ist also wohl der Mühe werth, darauf zu denken, wie man ihr gleich im Anfange, sobald man die erste Spur davon entdeckt, vorbeugen, ihre Fortschritte hemmen, [33]und die entflohne Lebenslust allmälig wieder erwecken können! — Heilungsmethoden dieser Krankheit werden also immer ein vorzüglicher Beitrag zur Erfahrungsseelenkunde seyn.

Da ich mich nun bei der Revision dieses Magazins eine Weile bloß mit den Krankheiten der Seele beschäftigt, so erregt dieß natürlicher Weise meine Aufmerksamkeit in sehr hohem Grade auf die eingelaufnen Beiträge

Zur Seelenheilkunde.

Allein es scheinet, als habe man diesen wichtigsten Theil der Erfahrungsseelenkunde gerade noch am allerwenigsten in Erwägung gezogen. —

Ich will daher auf einige Gesichtspunkte aufmerksam zu machen suchen, welche bei dieser Kunst, die noch mit so unsicherem Schritten geht, vielleicht einigermaßen zum Leitfaden dienen können.

So wie bei der Heilung der körperlichen Krankheiten die vorzüglichste Regel ist, daß man die Natur beobachte, ihren Absichten nicht entgegenwirke, sondern ihre Thätigkeit zu lenken suche — so scheint dieß ebenfalls bei der Heilung der Seelenkrankheiten eine der ersten Regeln zu seyn.

Das Verhältniß aller der von Kindheit auf gesammleten Ideen gegeneinander macht die individuelle Natur der menschlichen Seele aus.

[34]

Was dem Körper die Nahrungssäfte sind, das ist der Seele der immerwährende Zufluß neuer Ideen, wovon einige sich nach innern gewissen Reitze oder disponierenden Ursachen fest setzen, andre wieder verfliegen.

Der Mensch scheint vor den Thieren die Kraft zu haben, den Zufluß seiner Ideen selbst bestimmen, ihn auf gewisse Weise an- und ableiten, die Schleusen zuziehen und nach Gefallen wieder öfnen zu können. —

Diese Kraft wird aber zuweilen durch den Andrang der zuströmenden Ideen gehemmt, wenn in den Ideen, die schon in der Seele sind, das gehörige Gleichgewicht aufgehoben wird, und diese alsdenn auch ihre widerstehende Kraft verlieren.

Das Wesen der Seele besteht in der Thätigkeit, so wie das Wesen des Körpers in der Ausdehnung.

Was Hunger und Durst bei dem Körper sind, das ist der Thätigkeitstrieb bei der Seele.

Durch diesen wird sie zur immerwährenden Veränderung und Vermehrung ihrer Vorstellungen angetrieben.

Diesen Thätigkeitstrieb also gehörig zu lenken, oder wenn er erschlafft ist, ihn wieder herzustellen, ist ein Hauptgegenstand der Seelenheilkunde.

[35]

Wenn nun dieser Thätigkeitstrieb eine unrechte Richtung genommen hat, so entstehet dadurch eine Unordnung, oder Disharmonie in den von Kindheit auf gesammleten Vorstellungen; ein mißbilligendes Gefühl; wovon etwas ähnliches bei dem Körper statt findet, sobald der Nahrungstrieb sich gleichsam vergangen hat.

Von einer Krisis bei der Heilung der Seelenkrankheiten, wo die beßre Natur wieder die Oberhand gewinnt, hat man bisher noch wenig oder nichts bemerkt. — Aber daß bei den Seelenkrankheiten eben eine solche Krisis statt findet, ist gewiß, und der eigentliche Seelenarzt wird sie sicher bemerken.

Die frömmelnde Phantasie ist auf etwas von der Art gefallen, das im philosophischen Sinn genommen, gewiß eben nicht so unvernünftig ist. — Es muß nehmlich bei den Bekehrungen der so genannten Frommen immer ein gewisser Durchbruch statt finden, welcher mit der Krisis, die nothwendig bei den Seelenkrankheiten statt finden muß, viel Aehnliches hat.

Ueberhaupt hat sich jene frömmelnde Phantasie, ohngeachtet der unrechten Richtung, die sie genommen, doch noch weit mehr mit dem innern Seelenzustande beschäftiget, als die gewöhnliche Moral und Pädagogik.

[36]

Man hat doch dort den innern Seelenzustand eines Menschen seiner Aufmerksamkeit noch würdig gefunden, und ordentlich gewisse Epochen angenommen, nach welchen die allmälige Heilung des Seelenkranken erfolgen mußte. —

Man scheint dabei nach einem dunkeln Gefühl dem ganzen Proceß bei der Heilung körperlicher Krankheiten gefolgt zu seyn. —

Der Krankheitsstoff mußte durch die Traurigkeit der Seele über ihr Sündenelend gleichsam zubereitet, und alsdann durch die heftigsten Angriffe der Reue und Buße, durch die größte Seelenzerknirschung ausgestoßen werden, worauf dann erst der Durchbruch oder die wohlthätige Krisis erfolgte, die nun der Krankheit ein plötzliches Ende machte.

O, es giebt gewiß sehr viele, die diese wohlthätige Krisis empfunden haben, indem sie von Lastern und Ausschweifungen auf den Weg der Tugend wieder zurückkehrten. —

Möchten diese doch, wenn auch ohne Nennung ihrer Nahmen, zum Besten der Menschheit, die geheime Geschichte ihrer Verirrungen und ihrer Wiederkehr zum Guten in diesem Magazine zur Erfahrungsseelenkunde mittheilen; und sagen, wie es zuging, daß entweder ihre eigne beßre Natur sich wieder emporarbeitete, oder was für einen Weg irgend ein Freund, der ihr Helfer [37]und ihr Seelenarzt wurde, zur Heilung ihrer Krankheit mit ihnen einschlug!


Im dritten Stück des ersten Bandes pag. 102 steht ein Beitrag zur Seelenheilkunde, von einem ehemaligen Hypochondristen, welcher zum Beweise dienet, wie sehr wir über die durch Bücher und Umgang zuströmenden Ideen wachen müssen, wenn man die Seele, in der das Gleichgewicht der Ideen gegeneinander schon einmal gelitten hat, in einem gesunden Zustande erhalten will. — Dieser Beitrag ist ein wahres Seelenrezept für Hypochondristen, dessen sich schon Personen, die ich kenne, mit Nutzen bedient haben. —


Im zweiten Stück des zweiten Bandes pag. 129 steht ein merkwürdiges Beispiel, wie Zuchthäuser zu wirklichen Besserungshäusern gebraucht werden können, von einem Schuster, der dadurch, daß er beständig geschäftig und in Arbeit erhalten wurde, von den Lastern, die er vorher an sich hatte, gänzlich geheilt ward, und nachher noch ein wohlhabender Mann ward, der bei jeder guten Mahlzeit, die er that, auf die Gesundheit seines würdigen Zuchtmeisters im Raspelhause trank. — Solche Beispiele sollte man doch mehrere sammlen, um dadurch aufmerksamer auf diesen wichtigen Gegenstand zu werden. — In jenem Zuchthause war dafür gesorgt, daß bei den Strafbaren die Hoff- [38] nung nie erlöschen konnte, und daß Fleiß und Ordnung und gesittetes Betragen bemerkt wurden.


Im dritten Stück des zweiten Bandes pag. 70 steht ein ähnliches Beispiel: Ein von dem verstorbenen Hofrath Akermann in Hannover gestiftetes Armenhaus hatte nehmlich durch seine Einrichtung einen so glücklichen Einfluß auf die Verbesserung der Gemüther, daß ein Bettelknabe, der in dasselbe aufgenommen war, und dessen Denkungsart durch eine lange Gewohnheit zu betteln schon einen sehr hohen Grad von Niederträchtigkeit angenommen hatte, nach einiger Zeit, da er anfing, mit seinem Zustande zufrieden zu werden, die edelsten Gesinnungen der Großmuth und Dankbarkeit äußerte.


Noch einige Aufsätze die Seelenheilkunde betreffend, stehen im ersten Stück des dritten Bandes von pag. 115 an. Der erste ist ein Brief von einem unstudierten Manne, der ohngeachtet des Schwärmerischen und Sonderbaren im Ausdruck mit vieler Naivität geschrieben ist; übrigens aber nicht sowohl ein Beitrag, als vielmehr nur einige Bemerkungen, die Seelenheilkunde betreffend, enthält. — Er räth nehmlich unter andern, daß der Seelenarzt eine Art Metastasis bei den Seelenkrankheiten solle zu bewirken suchen. — Der Seelenarzt muß bei den Kranken, wo die Gedanken [39]immer viel zu sehr auf einen Gegenstand hingeheftet sind, die Ideen zu vervielfältigen suchen — der Seelenarzt darf auch nicht einmal den Schein eines Arztes von sich blicken lassen, u.s.w.

Ein anderer Beitrag zur Seelenheilkunde, welcher unmittelbar auf diesen folgt, ist die Heilung eines jungen Menschen von einen unglücklichen Hang zum Theater. — Bei diesem jungen Menschen ging wirklich am Ende der Kur eine Art von Krisis vor. — Allein er hat nachher wieder Recidive a bekommen. —


Im zweiten Stück des dritten Bandes pag. 15 steht unter der Rubrik zur Seelenkrankheitskunde ein Aufsatz mit der Ueberschrift: Genesungsgeschichte eines Jünglings von einem dreimonathlichen Wahnwitz, welcher auch gewissermaßen mit zur Seelenheilkunde gezogen werden kann; wenigstens grenzen körperliche und Seelenheilkunde hier so nahe aneinander, daß die Grenzlinie zwischen denselben kaum zu bemerken ist. —


Der kleine Aufsatz zur Seelenheilkunde, welcher noch im dritten Stück des dritten Bandes pag. 27 stehet, enthält einige vortreffliche Bemerkungen. Dieser Aufsatz schreibt sich von der Madam Reiske her, welche die Sache gerade in dem rechten Gesichtspunkte genommen, und bei der Beschrei-[40]bung einiger Seelenkrankheiten zugleich sehr merkwürdige Winke zu ihrer Heilung mitgetheilt hat.

Bei einer Person, die sehr lebhaft träumte, und bei der sich die Traumideen vermuthlich mit den Wahrheitsideen vermischt hatten, so daß sie dieselben nicht mehr voneinander unterscheiden konnte, entstand dadurch zuletzt eine Art von Wahnwitz. —

Sie bildete sich nehmlich ein, mit ihrem Mann die Ehe gebrochen zu haben, und gerieth darüber in eine Art von Raserei. —

Die Madam R.. ließ sie endlich bei ihrer Meinung, die ihr niemand auszureden vermochte, und erinnerte sie an die religiösen Begriffe von Vergebung der Sünde und Heiland — allein die Verzweiflung über die eingebildete Sünde blieb noch immer da, bis die Madam R.. ihr sagte: Wenn wir keine Sünde gethan hätten, brauchten wir ja auch keinen Heiland. — So unrichtig und schädlich diese Vorstellungsart nun in anderer Rücksicht seyn mag, so that sie doch hier eine vortreffliche Wirkung, um die Seelenkranke von der Verzweiflung zu retten. — Diese Worte schlugen wie ein wohlgewähltes Arzneimittel bei ihr an, und von der Zeit fing sie an, ruhiger zu werden, arbeitete fleißig, und wurde völlig wieder hergestellt.

Die Madam R.. zieht hier das vortreffliche Resultat:

[41]

Daß man schwermüthigen Leuten nicht widersprechen, sondern nur ihre Aufmerksamkeit, gleichsam als von ohngefähr, auf etwas ihnen neues zu richten suchen müsse.

Möchte doch die Anwendung dieser Regel bei schwermüthigen Personen häufiger beobachtet werden! — dieß ist doch nun eine wirklich erprobte Erfahrung, und die Madam R.. liefert noch ein Beispiel von der Art, das nicht minder merkwürdig ist: es gelang ihr nehmlich bei einem jungen Frauenzimmer, die täglich des Nachmittags Anfälle von Wahnwitz hatte, diese Anfälle, so oft sie den Versuch machte, durch Erweckung ganz neuer Ideen, aufzuhalten, da man ihr sonst nur immer Sprüche aus der Bibel und Liederverse vorgesagt hatte, die sie selbst schon auswendig wußte, und wodurch sie gar nicht aus dem Kreise ihres gewöhnlichen Denkens herausgerissen wurde.

Die Madam R.. suchte ihr Begriffe vom Bauen unter dem Wasser, vom Weltgebäude, von Geographie, kurz von lauter ihr bisher ganz unbekannten Dingen beizubringen, und dieß fesselte die Aufmerksamkeit der Kranken so sehr, daß sie jedesmal glücklich über die Stunden des Wahnwitzes hinwegkam.

Noch ein merkwürdiges Beispiel, wie nahe die körperliche und Seelenheilkunde aneinander gränzen, ist auch die psychologische Beschreibung seiner eignen Krankheit vom Herrn D. [42] Markus Herz, welche im zweiten Stück des ersten Bandes pag. 44. steht.


Zur Seelenzeichenkunde.

Sind nicht so viele Beiträge, wie ich gewünscht hätte, eingelaufen; und doch ist dieß einer der wichtigsten Theile der Erfahrungsseelenkunde.

Die Nebeneinanderstellungen jugendlicher Charaktere vom Herrn Seidel und Herrn Müller sind noch das einzige, was hierüber geliefert ist.

Im zweiten Stück des ersten Bandes pag. 110 sind drei jugendliche Charaktere nebeneinander aufgestellt, welche ziemlich genau detaillirt sind.

Allein diese Nebeneinanderstellungen werden freilich dann erst vorzüglich nützlich werden, wenn das Tagebuch über die fernere Entwickelung dieser Charaktere fortgesetzt, und sie dann bis in ihre Jünglings- und männlichen Jahre verfolgt werden könnte.

Es giebt doch viele Schullehrer, die Konduitenlisten von ihren Untergebnen halten. — Wenn nun ein solcher Mann lange im Amte ist, so müßte er vortreffliche Bemerkungen über die Entwickelung der Charaktere machen können, indem er zwischen dem Betragen irgend eines Menschen, als Knabe und Jüngling auf Schulen, und als Mann in Ge-[43]schäften, als Ehemann und Hausvater Vergleichungen anstellte.

Der Rektor der Schule, wo der berühmte Thomson seinen jugendlichen Unterricht genoß, hatte immer schon gesagt, in dem jungen Menschen steckt etwas! und freuete sich nachher sehr, daß seine Prophezeiung eintraf. — Er hätte vielleicht aus dem Schulleben dieses Mannes wichtige Beiträge zu der Geschichte der Entwickelung seines Charakters, und seines Geistes liefern können.

Die Nebeneinanderstellung der Charaktere zweier Brüder, die im dritten Stück des ersten Bandes pag. 108 steht, wird gewiß einen jeden Leser auf die Geschichte der fernern Entwickelung dieser Charaktere aufmerksam machen, um deren Mittheilung ich den Herrn Verfasser ersuche.

Im zweiten Stück des zweiten Bandes pag. 124 sind wiederum zwei jugendliche Charaktere vom Herrn Seidel nebeneinander aufgestellt, wovon der letztre besonders sehr viel originelles hat. Diese beiden Charaktere von der Schilderung des Herrn Seidel mit den drei vorhergehenden zusammengenommen, will ich nach der Ordnung, wie sie folgen, A. B. C. D. E. nennen, damit man dasjenige, was Herr S.. künftig über die fernere Entwickelung dieser Charaktere mittheilen wird, gehörig wieder ordnen kann.

Der Aufsatz im dritten Stück des zweiten Bandes pag. 105 betrift einen schon verstorbenen [44]Knaben, von vorzüglichen Anlagen, und leidet also keine Zusätze mehr.

Im ersten Stück des dritten Bandes pag. 107 sind nun schon einige merkwürdige Beiträge zur Geschichte der fernern Entwickelung, der einmal geschilderten Charaktere. — Ueber A. ist einiges gesagt, das mit dem Vorhergehenden zusammengenommen, nun schon einen nähern Aufschluß über den Charakter desselben giebt — so sind auch über D. verschiedne nicht unwichtige Bemerkungen über die Fortschritte seines Geistes mitgetheilt.

Ich hoffe, daß Herr S.. nun auch die übrigen von ihm geschilderten Charaktere auf die Weise nachhohlen wird.

Zuletzt schildert hier Herr S.. noch einen in seiner Art sehr merkwürdigen Knaben, dem er prophezeiet, daß er, wenn es noch Hofnarren oder Harlekine auf der Bühne gebe, er durch einen solchen Posten sein Glück machen könne; da dieß aber nicht der Fall wäre, sich damit begnügen müsse, in einem kleinern Zirkel für andre ein Lustigmacher zu seyn. Die Schilderung von diesem Knaben ist sehr treffend, und der Erfolg davon wird für jeden Beobachter der menschlichen Seelen, und besonders für den Erzieher merkwürdig seyn — wir wollen diesen Knaben E. nennen.

Auch Herr Spazier hat im zweiten Stück des dritten Bandes pag. 93 einen jugendlichen Charakter geschildert, der sich vorzüglich durch eine [45]Art von guthmütigem Phlegma auszeichnet, und bei dem dennoch ein musikalischer Satz, so oft er gespielt wurde, einen so wiedrigen Effekt that, daß er mit Thränen bat, doch diesen Satz nicht zu spielen.


Zur Seelennaturkunde.

Sind eine starke Anzahl Beiträge geliefert, die ich jetzt so nebeneinanderzustellen versuchen will, daß Resultate daraus können gezogen werden.

Um die Natur und das Wesen unserer innern vorstellenden Kraft zu erforschen, ist wohl die Aufmerksamkeit auf dasjenige, wodurch sich diese vorstellende Kraft vorzüglich äußert, oder die Aufmerksamkeit auf die

Sprache in psychologischer Rücksicht

eines der ersten Mittel. — Die Sprache mit ihrem ganzen Bau ist ein getreuer Abdruck unsrer vorstellenden Kraft, so wie diese wieder ein Abdruck der sie umgebenden Welt ist. —

Diese Betrachtung der Sprache in psychologischer Rücksicht habe ich vorzüglich zum Gegenstande meiner eignen Bearbeitungen gemacht, und daher fast in jedem Stück dieses Magazins einen Beitrag von der Art geliefert. — Auch Herr Pockels hat über diese Materie gedacht, und seine Gedanken darüber mitgetheilt — und in diesem Stück erfolgt [46]vom Herrn Rektor Bauer in Hirschberg ein wichtiger Aufsatz über Sprache in psychologischer Rücksicht.

Im ersten Stück des ersten Bandes pag. 92 habe ich vorzüglich die unpersönlichen Verba in der Rücksicht betrachtet, wie sie gleichsam die Grenzlinien ziehen, zwischen dem, was wir uns als abhängig, und dem, was wir uns als unabhängig von unsrer thätigen Kraft denken.

Und es kömmt doch sehr viel darauf an, diese Grenzlinien gehörig zu ziehen — sobald wir ich denke in mich dünkt verwandeln, so lassen wir das Denken gleichsam über uns herrschen, wir lassen es nach seinem eignen Gange, den es nimmt, in uns vorgehen, ohne etwas zu seiner Richtung auf einen Gegenstand beizutragen.

Die Seele entäußert sich eine Weile ihrer Ideenlenkenden Kraft, sie läßt die neue Vorstellungen, ohne oder doch nur mit einer schwachen Gegenwirkung in sich überströmen, indem sie sagt, mich wundert, mich freuet, mich gereuet, u.s.w.

Daher werden nun auch fast alle Leidenschaften durch die unpersönlichen Verba bezeichnet.

Man getraut sich kaum sein Ich oder seine thätige vorstellende Kraft darbei zu nennen, so wenig fühlt man sie. — Das, was man dunkel fühlt, hüllt man in das unbestimmte unpersönliche es ein.

[47]

Im zweiten Stück des ersten Bandes pag. 101 steht ein Aufsatz über die Präpositionen, welche ebenfalls vielen Stof zum Nachdenken über die Seele geben, ob es gleich beim ersten Anblick nicht so scheint. Denn da sie alle von körperlichen Verhältnissen hergenommen sind, so sollte man glauben, daß sie in Ansehung der Seele nur wenig bezeichnen könnten.

Allein da die Aufmerksamkeit der Menschen ehr auf das Körperliche als auf das Unkörperliche fiel, so wurde jenes auch natürlicher Weise zuerst benannt, und nachher bediente man sich derselben Benennungen im figürlichen oder metaphorischen Sinne, um auch das Unkörperliche zu bezeichnen.

Wir müssen daher, so oft wir uns über etwas Unkörperliches ausdrücken wollen, beständig in Metaphern reden. Denn selbst das Wort denken ist wahrscheinlicher zuerst eine Benennung von etwas Körperlichen gewesen, ob wir gleich itzt uns nichts körperliches mehr dabei denken. — Das lateinische Cogitare scheint aus dem Begriff des gewaltsamen Zusammenzwängens entstanden zu seyn, wovon man etwas ähnliches beim angestrengten Denken im Gehirn empfindet.

Vorstellung ist ein völliger metaphorischer Ausdruck: wir stellen die Sache gleichsam vor uns hin, um sie mit Muße betrachten zu können. Der Lateiner sagt mit einer philosophischem Benen-[48]nung repraesentatio, Wiedervergegenwärtigung. — Der Nahme detaillirt die Sache mehr, und drückt sie doch allgemeiner und nicht so sehr sinnlich aus, wie unser Vorstellung. Das ursprünglich griechische idea hingegen, ist eine noch weit simplere Metapher als Vorstellung; man begnügt sich mit der bloßen Vergleichung von Sehen, um sich einen Begriff von einem Begriffe zu machen.

Begriff ist eine sehr ausdruckvolle Metapher, ob das Bild gleich sehr körperlich ist. — Ich werde Meister von einer Sache, besitze sie, wenn ich sie umfasse, und dadurch mir zu eigen mache — so werde ich Herr einer Idee, wenn ich sie gleichsam mit allen meinen übrigen Ideen umfasse, deren ich mich zu gleicher Zeit auch bewußt bin.

Darum sagt Begriff auch mehr wie Vorstellung — durch den Begriff ist die Vorstellung in mir befestiget, an alle meine übrigen Vorstellungen, die ich schon hatte, gleichsam angeknüpft, und mit ihnen eins geworden.

Allein die Anwendung dieser Metaphern macht nun oft große Schwürigkeit, und verleitet auch oft zu Irrthümern, indem man das Körperliche, was man sich sonst dabei gedacht hat, nicht gehörig davon absondert — wenn man z.B. sagt, alles was da ist, ist in Gott, und sich nun denkt, daß Gott dieß alles umgiebt, indem er die Oberfläche [49]aller körperlichen Dinge durch seine Umgebung berührt.

So reden wir von etwas, das in der Seele vorgeht, und sind daher oft in Versuchung uns die Seele wie irgend eine umgebende Masse zu denken, worin das, was darin vorgeht, gleichsam Platz oder Raum hat. — Die mißverstandnen und unrecht angewandten Metaphern in der Sprache haben vielleicht am meisten zum Materialismus verleitet. —

Im dritten Stück des ersten Bandes pag. 122 habe ich über die kleinen Wörter da, jetzt, nicht, ist, u.s.w. einige Betrachtungen angestellt. — In diesen kleinsten Wörtern der Sprache ruhen die erhabensten Begriffe — sie sind es, welche das eigentliche Triebwerk unsres Denkens am meisten bezeichnen. —

Selbst der reine Begriff des Seyns läßt sich nicht gut von dem Begriff des Ortes trennen, welcher durch da bezeichnet wird; wir sagen weit öfter das Daseyn als das Seyn.

Allein auch diese Verbindung der Ideen verleitet uns zuweilen zu Irrthümern — weil wir z. B. sagen: das Daseyn Gottes, so heften wir die Vorstellung von ihm an die Vorstellung des Orts — wenn er ist, so muß er auch da, so muß er irgendwo seyn; als ob sich der reine Begriff des Seyns eines unkörperlichen Wesens nicht abgesondert vom Begriff des Ortes denken ließe.

[50]

Die kleinen Wörter aber, auch, wie, obgleich, denn, weil u.s.w., welche eigentlich an und für sich keinen Gegenstand in der Welt außer uns, sondern bloß die Art des Zusammenhanges unsrer Vorstellungen bezeichnen, sind gewiß äußerst merkwürdig, und geben einen reichen Stoff zum Nachdenken, ob sie gleich auch größtentheils auf die Weise nur im figürlichen Stande gebraucht werden. — Denn z.B. ist eigentlich von der Zeit hergenommen, so wie auch wenn, und weil, und da. Der Vergleichungspunkt liegt nehmlich darin, daß ich mir füglich zwei Ideen zu gleicher Zeit denken kann, ohne, daß sie sich einander aufheben. — In dieser Probe, die ich auf die Art bei der Zusammenstehung von zwei Ideenreihen anstelle, liegt eben die Stärke des Beweises — eben so wie in weil; daß ich die folgende Reihe von Ideen unbeschadet der gegenwärtigen zu gleicher Zeit denken kann, bürgt mir für ihre Wahrheit. — Ich werde hiervon in der Folge Veranlassung nehmen, diese kleinen Wörter ausführlich nacheinander durchzugehen, um dadurch einen Beitrag zu einer vollständigen Theorie des menschlichen Denkens zu liefern.


Im ersten Stück des zweiten Bandes pag. 118 habe ich einen Versuch gemacht aus den einzelnen Buchstaben, vermittelst deren sich unsre deutsche [51]Konjugation formirt, unsre verschiednen Vorstellungsarten von der Wirklichkeit herzuleiten —

st, d und t bezeichnen als bestimmende Laute in der deutschen Sprache vorzüglich die Wirklichkeitw die Art der Wirklichkeit oder die Beschaffenheit, und n hebt die angenommene Wirklichkeit wieder auf.

Ich glaube dieß hinlänglich mit Beispielen belegt zu haben.

Merkwürdig aber ist es, daß wir das nur unter gewissen Bedingungen Wirkliche, fast auf eben die Art wie das vergangne Wirkliche bezeichnen, indem wir bloß den Vokal gleichsam zu einem halben schwankenden Tone herabstimmen, und a z.B. in ä, o in ö, und u in ü verwandeln, als ich sang, ich sänge, ich trug, ich trüge, u.s.w.

Wie sehr mahlt hier der veränderte Laut des Vokals das Schwankende, die Ungewißheit, womit wir uns das nur unter Bedingungen Wirkliche vorstellen!

Eben so merkwürdig ist die Bezeichnung der gänzlichen mit Vollendung verknüpften Vergangenheit durch haben, welches hier ebenfalls nur figürlich gebraucht werden kann, weil es sonst immer einen Besitz anzeigt — und hier oft grade das Gegentheil des Besitzes anzuzeigen scheint, als: er hat gelebt, welches doch so viel heißt, als er hat sein Leben nicht mehr — allein die [52]Vorstellungsart läßt sich wohl am besten durch das beständige Streben nach etwas Zukünftigen erklären, wovon wir die Ideen zu haben wünschen — er hat gelebt heißt so viel: als er hat nun sein Leben vollständig dahin, er darf nun nichts erwarten. — Die Vollständigkeit aber oder das Vollendete wird durch die Silbe ge bezeichnet, wie ich hinlänglich erwiesen zu haben glaube.


Im zweiten Stück des zweiten Bandes pag. 111 steht die Fortsetzung dieser Untersuchung über die Mittelbegriffe vom Seyn und Haben, wodurch wir uns die Vergangenheit, und über den Mittelbegriff des Werdens, wodurch wir uns die Zukunft denken.

Alsdenn folgt ein Aufsatz über die Pronomina in psychologischer Rücksicht, zu welchen ich hier noch einige Bemerkungen hinzufügen will.

Es ist nehmlich sehr merkwürdig, daß man sein ich nur außer sich denkt, sobald ein anders handelndes Wesen von außen her auf uns wirkt, und uns gleichsam unser Daseyn außer uns fühlbar macht;

mich, dich, sich, sind nehmlich offenbar Zusammenziehungen aus mein ich, dein ich, sein ich — Nun fühle ich einen Widerstand zu sagen: mein Ich oder mich sieht dich, sondern ich sage: ich sehe dich — Indem mein Gedanke von mir selber ausgeht, kann ich mich unmöglich als Objekt [53]denken, eben so wenig, wie sich mein Auge, indem die Lichtstrahlen bloß von ihm ausgehen, ohne wieder zurückgeworfen zu werden, selber sehen kann. Allein sobald eine Idee von einem andern Wesen aus- und auf mich übergeht, und ich z.B. sage: du siehst mich, finde ich nicht den mindesten Widerstand, mir mein Ich als Objekt oder außer mir zu denken. Die reflektirte Denkkraft macht, daß ich mich selbst nun außer mir erblicke, so wie man vermittelst der zurückgeworfnen Lichtstrahlen sein Antlitz im Spiegel sieht. —

Wenn das eine Person oder ein vernünftig handelndes Wesen bezeichnende m, d und s statt des ich nun bloß mit ein zusammengesetzt wird, so daß mein, dein, sein daraus entsteht, so gewährt es uns einen außerordentlichen Vortheil im Denken, indem wir alles, was einer Sache zukömmt, oder eins mit ihr ausmacht, nach der Reihe durchgehen können, ohne doch der Hauptsache darüber zu vergessen, die beständig durch das m, oder d, oder s, gleichsam an das, was wir uns mit ihr vereint vorstellen, herangeklammert wird — Kurz, dieß sind fast die einzigen Wörter in der Sprache, wodurch wir zwei Vorstellungen zu gleicher Zeit zusammenfassen.


Im dritten Stück des zweiten Bandes pag. 93 steht ein Aufsatz von Herrn Pokels über dem [54] Anfang der Wortsprache in psychologischer Rücksicht.

Herr P... macht hier unter andern die sehr richtige Bemerkung, daß wir zur Bezeichnung solcher Prädikate sinnlicher Gegenstände, die den Geschmack, Geruch, und zum Theil auch das Gefühl des Menschen reitzen, uns noch am meisten der Gesichts- und Zeichensprache bedienen, und daß man sich wahrscheinlich am längsten der bloßen Zeichensprache bedient habe, ehe man eigne Wörter für diese Art von dunklen Begriffen erfand.

Herr P.. gründet mit hierauf die Hypothese, daß Jahrhunderte verflossen seyn können, ehe die Menschen die bloße Pantomimensprache mit der Wortsprache umtauschten.

Herr P.. glaubt, daß es leichter auszumachen sey, wie die Menschen auf die abstrakten Begriffe, als wie sie auf die Ausdrücke derselben gekommen sind. Eins ist wohl so schwer wie das andre — denn ohne fixierte Zeichen läßt sich gewiß eben so wenig abstrakt denken, als sich ohne Zahlen oder Zeichen algebraische Aufgaben würden auflösen lassen.

Dieser Aufsatz wird im ersten Stück des dritten Bandes pag. 75 fortgesetzt. Und Herr P.. beschäftigt sich darin vorzüglich mit der Entwickelung der Sprache bei Kindern.

[55]

Herr P.. bemerkt hier den wohltäthigen Einfluß der Menschenstimme auf das Ohr und Gemüth des Kindes, im Kontrast gegen das Unangenehme und wiedrige der Thierstimme, wovor Kinder gemeiniglich zu erschrecken pflegen, weil sie mit der Anlage derselben heterogen ist, u.s.w.

Das Kind weiß gemeiniglich schon eine große Anzahl Substantiva auszudrücken, ehe es Verba auszusprechen pflegt.

Von den Verbis drückt das Kind immer erst den Infinitif, nach und nach auch das Vergangne, am spätesten aber das Zukünftige aus — weil wir besonders den Begriff von der künftigen Zeit, allein durch Hülfe der Ursach und Wirkung vergleichenden Vernunft besitzen, und derselbe also mehr als thierischer Instinkt ist.

Die Kindersprache besteht anfangs nur aus einsilbigten Wörtern.

In keiner Epoche unsers Lebens sammlen wir wieder so viel neue Ideen, als in den ersten sechs oder acht Jahren unsers Lebens, wo wir eine Sprache mit etlichen tausend verschiednen Wörtern, und deren Verbindungen, Versetzungen, und Wendungen lernen.

In einem gesunden Zustande der Seele ist uns ein dunkler Begriff immer etwas unangenehmes — daher bei Kindern schon die starke Begierde sich deutlicher Vorstellungen zu verschaffen. —

[56]

Es ist sehr zu wünschen, daß Herr P.. diese Beobachtungen über die Kindersprache, seinem Versprechen gemäß, fortsetzen möge.


Endlich steht im dritten Stück des dritten Bandes pag. 110 noch ein Aufsatz, die einzelnen herrschenden Laute in der Sprache betreffend. — Ein Gegenstand, der ein sehr angenehmes Feld des Nachdenkens darbietet, und bei dessen Bearbeitung vorzüglich der Reichthum an bedeutenden Wurzelwörtern in der deutschen Sprache zu statten kommt. Ich lasse nun an diese Revision der Aufsätze über Sprache in psychologischer Rücksicht, sich sogleich den Aufsatz des Herrn Rektor Bauer anschließen, und werde in den nächsten Stück mit der angefangnen Revision fortfahren, zugleich aber auch einige merkwürdige mir zugesandte Beiträge liefern.

Erläuterungen:

a: Recidiv: Rückfall. Wiederauftreten einer Krankheit (Adelung 1811, Bd. 3, Sp. 1009f.).